13. November
Heute muss ich das Erlebte aufschreiben, sonst platze ich vor Gedanken. Seit Tagen schwirrt mir dieses kleine Kätzchen im Kopf herum, das plötzlich vor unserem Edeka im Herzen unseres Dorfes auftauchte. Niemand weiß, ob sie den Weg selbst gefunden hat oder ob jemand sie mit Absicht dort ausgesetzt hat. Die Kleine ein kaum wahrnehmbarer, wuscheliger Fellball war einfach da. Inmitten des tristen, nasskalten Herbstes saß sie da, zog ängstlich die Pfoten ein und zitterte. Ihr leises Miau ging beinahe im Trubel der Passanten unter. Keiner blieb stehen, denn ihr Gesicht war ganz verkrustet, die Augen schmal und wachsam, das Fell an Hals und Ohren dünn und lückenhaft. Es brach mir regelrecht das Herz.
Die Verkäuferinnen des Ladens taten ihr Bestes: Sie ließen das Kätzchen immer wieder ins Warme und behandelten sie sogar mit Tropfen gegen Parasiten. Aber ihre Hilfe schien nur begrenzt zu wirken. Das Kätzchen kam jeden Morgen pünktlich zum Laden, schnurrte um Beine und bat auf seine Art um Aufmerksamkeit und Geborgenheit.
Mit jedem kälteren Tag wuchs meine Sorge. Das Thermometer sank bereits auf minus fünf Grad wie sollte das kleine Wesen einen deutschen Winter mit minus fünfzehn oder zwanzig Grad überstehen? Die liebe Frau Meier aus dem Laden erinnerte sich, dass wir im Sommer schon einmal einem ausgesetzten Katzennotfall geholfen hatten, und rief mich an.
Als wir am Nachmittag am Supermarkt ankamen, kannte die Kleine kein Halten mehr. Sie drehte voller Hoffnung Kreise zwischen unseren Beinen und um die Transportbox, als spüre sie, dass dies ihre letzte Chance auf ein Zuhause war. Stehend auf den Hinterbeinen, mit dem verfilzten Schwänzchen um meine Hand geschlungen sie versuchte einfach alles, um uns ihr Vertrauen zu schenken.
Schon auf den ersten Blick war klar: Die Kleine kämpfte mit Räude. Zum Glück war sie nicht in einem hoffnungslosen Zustand, und passende Tropfen wie Advocate oder Stronghold konnten schnell helfen.
Kaum war sie in der warmen Obhut unserer Pflegestelle angekommen, verwandelte sie sich in einen schnurrenden Motor und zeigte, wie sehr ihr Zuneigung fehlte. Die ersten Tage schlief sie fast nur, fraß und tankte Ruhe und Sicherheit.
Und dann war da noch ihr Name. Kartoffel so nannte ich sie, denn sie erinnerte mich im ersten Moment tatsächlich an ein kleines, unförmiges Erdknöllchen. Schief, merkwürdig anzuschauen, aber irgendwie zuckersüß. Es dauerte nicht lange, da verschwanden Krusten und kahle Stellen nach der zweiten Behandlung war aus Kartoffel plötzlich ein strahlendes Katzenmädchen mit wachen Augen geworden.
Das Fell an Ohren und Pfötchen ist zwar noch nicht vollständig nachgewachsen, aber das wird sich geben. Kartoffel ist schon für die Kastration vorgemerkt und entwickelt sich toll: gesund, gepflegt, freundlich mit einer Freude, die mich jedes Mal anrührt, wenn ich sie ansehe. Dieser Winter wird ihr nichts mehr antun können sie ist angekommen.




