Und ihr träumte ihr Johann
Oma Gertrud lauschte den Stimmen, die von der Küche herüberklangen. Die Enkelin und die Urenkelin stritten sich. Ihre Enkelin, die vierzigjährige Veronika, war mit ihrer Tochter, der jungen, langbeinigen Laura, spät von einer Party zurückgekommen.
Anscheinend hatte Veronika Laura mit dem Geschirrtuch abgeklatscht. Laura schluchzte, verteidigte sich, schrie zurück, Veronika überschlug sich in Vorwürfen.
War das die richtige Zeit für einen Streit? Es war mitten in der Nacht. Und aus Sicht von Gertrud, die so viel erlebt hatte, erschienen ihr Zank und Schreie als überflüssig, führten zu nichts, waren überflüssig und beängstigend.
Sie dachte über das Ewige nach, über ihre Fehler, all das Geschrei und die Dramen hatte sie schon lange zu den Sünden gezählt. Nun, im altersmüden Körper, blieb ihr nur das Nachdenken und Grübeln.
Herrgott, bring ihnen Ruhe, betete Oma Gertrud im Dunkeln, Herrgott, schenke uns Frieden!
Gertrud hatte immer öfter das Gefühl, dass ihre Zeit bald abläuft. Aber etwas hielt sie noch. Kein Schmerz, keine Angst, nur eine sachte Ungeduld: Warum konnte sie sich nicht endlich von diesem alten, schwachen Körper lösen? Manchmal verspürte sie Hunger, manchmal wollte sie sich drehen, manchmal einfach am Fenster sitzen und hinausschauen.
Abends bat sie Veronika, sie in die Kissen zu setzen und die Fenster und Vorhänge zu öffnen. Sie schaute stundenlang hinaus, glaubte, die Sterne zu sehen. Auch heute noch, als der Streit losging, saß sie schon gerüstet für die Nacht.
Vero… Vero…, rief sie, wollte die Enkelin ablenken, doch Veronika war im Zorn um ihre Tochter taub für alles.
Laura hingegen schmiss wenig später ruckartig die Tür auf, ließ sich in den Sessel an Gertruds Füßen fallen und rollte sich zusammen. Sie weinte, schniefte und jammerte.
Auch Veronika kam nach wenigen Minuten, statt zu schimpfen, rückte sie etwas bei Gertrud gerade, warf einen missbilligenden Blick auf die Tochter:
Ab ins Bett!
Lass mich. Ich schlaf hier, bei Oma. Baue mir den Sessel um.
Laura sprang auf, holte Decken und Kissen. Das Zimmer von Oma Gertrud lag gegenüber von der Küche, wohl ein Ausdruck von Lauras Empörung sie wollte nicht mit Mutter in einem Zimmer schlafen.
Der Bruder war im Zeltlager, und Lauras Vater, Hans-Jürgen, auf Montage. Ein sanfter Kerl, der immer Laura verteidigt hatte; jetzt aber war niemand mehr da, der sie beschützte.
Siehst du, Oma! Sie hätte um elf zu Hause sein sollen! Jetzt ist es eins! Und dann wieder mit diesem Trottel, dem Niklas. Der ist doch total daneben … steht bei der Polizei auf der Liste. Alles reden nützt nichts: Reden, reden …, maulte Veronika leise, mehr zu ihrer Tochter als zu Gertrud, Ihr Studium wird sie nie schaffen!
Laura breitete wortlos das Sesselbett aus, ihre Bewegungen schroff. Gertrud schwieg im Kissenberg, wollte das Feuer nicht weiter entfachen. Sie nahm nur den Kamm vom Nachttisch, fuhr sich durch das Haar und steckte ihn wieder hinein, als wäre die Nacht noch nicht bereit für den Schlaf.
Laura ging ins Bad, streifte Hose und Pullover ab, kroch in Unterhemd und Slip unters Deckbett. Ihre Nase schniefte noch immer.
Oma, krächzte es nach einer Weile aus dem Sessel, stört dich der Mond nicht beim Schlafen?
Mich? Ach, ich seh ihn doch kaum. Wenn er dich stört, mach die Vorhänge zu.
Nee. Lass offen. Er ist irgendwie da, als würde er mich verstehen.
Ach was, nicht alleine! Die Liebe versteht jeder. Nur, die Jungen täuschen sich oft, das sorgt für viel Kummer bei der Mutter.
Hat sie sich auch mal getäuscht?
Hat sie … Irgendwann erzählt sie es dir. Sprich sie mal ganz offen an.
Könntest dus nicht erzählen? Laura hob ihren blonden Kopf, Vielleicht versteh ich sie dann besser. Vielleicht ist bei ihr einfach was passiert
Ach, weiß nicht mehr… Frag lieber sie.
Na klar! Sie erzählt mir doch eh nichts!, plumpste Laura wieder auf ihr Kissen.
Man versteht einander doch kaum ohne Ehrlichkeit? Frag halt.
Manches kann man Kindern halt einfach nicht erzählen. Aber Oma, ich werd in einem Monat achtzehn, hab ich da nicht Recht auf einen Teil eigenes Leben? Mit wem soll ich sonst reden, wenn nicht mit Mama? Mit Ines? Die meint eh dauernd, ich sei doof …
Warum denn doof?, Gertrud richtete sich ein wenig auf, schaute verwundert.
So halt …, schweigsam wurde Laura.
Sie schwiegen eine Weile.
Weißt du, manchmal führt die Liebe in eine Sackgasse. Nichts entwickelt sich mehr. Aber es sollte sich doch entwickeln, verstehst du? Du baust selbst eine Mauer, sagst nein nein, weiter darf die Liebe nicht gehen! Und er kühlt ab. Verstehst du?
Gertrud runzelte die Stirn, bemühte sich, dem Gespräch zu folgen. Doch ihr Kopf war langsamer geworden. Sie verstand nicht ganz, worauf Laura hinauswollte, und antwortete, wie sie es für richtig hielt:
Liebe ist eben Liebe. Sie wirft Schmerz, Bitterkeit, Glück ab. Aber eine Sackgasse … das kenne ich gar nicht. Was ist Liebe für eine Liebe, wenn sie in der Sackgasse steckt? Noch nie gehört.
Dabei war Gertrud eine gebildete Frau. Sie hatte schon im Krieg, ganz jung, im Lazarett gearbeitet. Dort reifte sie, was sonst nie auf Zeugnissen steht. Dann machte sie ihren Abschluss, arbeitete ihr ganzes Leben als Krankenschwester im Krankenhaus.
Tja, das gibts halt, Oma.
Und wieder schwiegen sie, unverstanden voneinander. Laura erschien die Oma uralt und korrekt, sie konnte keine Ahnung von den Stürmen in Laura oder Niklas haben. Gertrud dagegen glaubte, Laura sei noch ein Kind und wisse kaum, was sie da rede.
Aber sie konnten beide nicht schlafen. Laura wälzte sich herum.
Schaust du zum Himmel, Laura?, fragte Gertrud, der Sessel war tiefer, sie konnte Laura kaum sehen, Weißt du, dein Urgroßvater hat immer gesagt: wer zu lange in einen Punkt am Himmel schaut, spürt, dass von diesem Stern jemand zurückschaut. Wie eine Antwort!
Hast du ihn denn sehr geliebt, Oma? kam aus dem Sessel.
Wen? Den Opa? Och … Mal so, mal so. Das Leben ist lang. Aber jetzt vermisse ich ihn mehr als ich dachte.
Achja! Laura blitzte mit dem Kopf über die Sessellehne, Du warst ja jung, als du ihn geheiratet hast, oder? Sechzehn?! Also, euch war das erlaubt, uns heißt es: mit achtzehn seis noch zu früh …, sagte sie trotzig und warf sich auf das Kissen.
Naja, damals war das eben so …
Das liegt doch nicht an der Zeit, mischte sich die Urenkelin ein, Liebe bleibt dasselbe!
Gertrud widersprach nicht. Wer kennt die Liebe schon? Vielleicht hat Laura recht. Sie damals schauten die Männer an als Versorger, Fortführung der Familie, Halt. Heute wohl kaum mehr.
Omaaaa, Laura blinzelte wieder hervor, Er war doch viel älter als du. Ganze fünfzehn Jahre Abstand! Du warst ein Kind. Ist ja klar, worauf so ein Mann fliegt….
Oma Gertrud schwieg, Laura ebenso. Auch Laura war es nun selbst ein wenig peinlich.
Oma, vielleicht bin ich blöd. Sag’s! Wir schlafen ja sowieso nicht. Erzähl mir die Wahrheit, alles. Ich bau dir auch die Kissen höher!
Im Mondlicht blinkten nun ihre weißen Höschen, die langen Beine sie hob Gertrud die Kissen und ließ sich zum Zuhören nieder.
Gertrud war müde, die Zunge schwer, aber sie wollte die aufgebrachte Urenkelin beruhigen und begann zu erzählen.
Ach, was soll ich erzählen, winkte sie ab, bewegte ihre grauen Lippen, Nur Schmerz. Wir lernten uns im Lazarett kennen. Ende dreiundvierzig, Verletzte überall. Verbände, Blut, Operationen. Wir hielten uns kaum auf den Beinen. Ich glich eher einem Jungen, kurze Haare wegen der Läuse. Oft wurden Läuse eingeschleppt. Hose, Uniform. Man hielt mich kaum für ein Mädchen. Bruderherz, rief man. Achja …, sie zuckte die Schultern, Die Hände zerfressen von Karbol und Spiritus. Über die Straße gingen Soldatenkolonnen. Ich sehes vor mir! Infanterie, Wagen, Artillerie, wie ein Fluss nach Westen. Wir versorgten die, die diese Welle umgeworfen hatte.
Die Kraft reichte kaum … Sie starben mir nacheinander in den Armen. Irgendwo wartete man auf sie, und sie … Einmal wurde ein Junge eingeliefert, wie ich auch sechzehn. Partisanenspäher. Sie dachten, er stirbt, aber er hielt lange durch. Ich band mich an ihn. Im letzten Moment sah er mich an, klammerte sich mit den Augen an mich, da war eine ganze Welt drin. Ich sank vor sein Bett, küsste ihn, küsste und küsste ihn ins heiße Gesicht.
Lass dich nicht gehen!, schrie ich, Sascha, du wirst nicht gehen!
Doch dann sah ich das kalte Leinentuch über den Augen, spürte den Tod, fiel zu Boden, weinte … Das erste Mal so. Ich dachte, ich sei längst abgehärtet. Aber die Tränen packten mich, als würde im Inneren etwas platzen.
Da kam jemand, hockte sich neben mich, nahm mich in den Arm, streichelte den Kopf. Ich verstand kein Wort. Doch er sagte:
Wein nur, Schwesterchen. Wie viel trägst du schon auf deinen Schultern? Wir Kerle sind zäh, aber du bist doch noch ein Kind.
Oma Gertrud seufzte.
An seine Schulter habe ich mich leergeweint. Später schimpfte der Arzt, beschimpfte mich, schämte mich. Dann rauchten die beiden draußen, Dr. Ignaz und Johann, unterhielten sich, Ignaz kaute an der Lippe.
Das war dein Ur-Opa Johann der Verletzte.
Und weiter? Hat er sich in dich verguckt?
Nun …? Gertrud zögerte. Er blieb wegen seiner Verletzung. Die Stadt musste aufgebaut werden, die Fabrik repariert. Die Deutschen hatten alles zertrümmert. Johann schaute immer wieder im Lazarett vorbei, brachte kleine Geschenke, steckte mir einen Apfel in die Tasche. Ich habe ihn kaum wie einen Bräutigam gesehen er war unrasiert, hinkte, war Ende dreißig, mir galt er als alt.
Gertrud stockte, ihre Stimme krächzte.
Aber als das Lazarett geschlossen wurde, war er mir schon wie ein Verwandter. Er wusste, dass ich mich zur Krankenschwester ausbilden wollte. Einmal kam er rasiert, holte unseren Arzt. Ignaz war ein guter Arzt, kümmerte sich um mich. Meine Mutter war im Krieg gestorben, die Großmutter auch, Vater und Bruder gefallen. Der Arzt rief mich, da saß Johann dabei. Wo soll ich hin? Ich wollte lernen, immer noch.
Der Arzt meinte, meine Bildung reichte nicht. Ich müsse unterrichten, noch ein wenig.
Dann tue ichs!, beteuerte ich, die beiden wechselten Blicke.
Johann räusperte sich: All meine Angehörigen sind tot. Frau und Tochter bei Evakuierung umgekommen. Mich schicken sie nach Kassel. Es gibt dort eine medizinische Schule. Komm, wir heiraten, Gertrud. Dann kommst du mit, kann dir beim Lernen helfen. Notfalls gehen wir getrennte Wege. Bei Dr. Ignaz verspreche ich es.
Oma Gertrud schwieg. Vielleicht dachte sie nach, vielleicht ruhte sie sich. Auch Laura verstummte, zog die Knie an die Brust.
Ich saß wie versteinert. Heiraten? Er war mir wie ein Vater. Doch dann sah ich ihn an Uniform, eigentlich schön, aber eingefallene Wangen, schaut mich mit solcher Hoffnung an. Und ich? Ach Gott! Hättest du mich gesehen, Laura! Unterhosen aus Bettlaken genäht. Die Haare strubbelig, Brust ganz weggehungert, die Klamotten hingen an mir, hielt sie mit Gummiband. Was für eine Braut war ich?
Ich zuckte nur die Schultern, schaute zu Boden. Der Arzt flüsterte ihm etwas …
Gertrud, hab keine Angst. Nur amtlich, dann können wir zusammen reisen. Ich tu dir nichts an.
Wieder verstummte Oma Gertrud.
Und? Wie gings weiter?, fragte Laura.
Tja … so wars. Ich war siebzehn, schon nicht mehr sechzehn. Standesamtlich getraut im Wehrmeldeamt. Wir fuhren los, er trug meine dürftige Habe, der Arzt schenkte mir eine neue Uniform. Johann war feierlich nervös, trieb sich um mich. Zwei Jahre lebten wir wie Vater und Tochter, nichts geschah.
Gertrud atmete tief, wurde wieder leiser.
Ich verstehe gar nicht Wie lebt man denn so? Schlief jeder extra? Wie ziehst du dich denn da um …
Keine Ahnung. Beim ersten Mal sagte ich: Johann, ich muss mich umziehen. Ich überlegte schon, wegzugehen. Er stand auf, nahm Haltung an, ging raus.
Später gewöhnte ich mich so sehr an ihn, dass ich manchmal ins Bett zu ihm kroch gegen kalte Füße, um Neuigkeiten zu erzählen. Als ich älter wurde, schämte ich mich: der Mann hatte gelitten, und ich dummes Kind. Aber er hat mich sehr geliebt, mich beschützt. Schenkte mir Kleider, Strümpfe, Schuhe … Eines liebte ich sehr: ein blaues mit Sternen. Ich trug es ewig, wurde rundlicher, ließ die Haare wachsen, kriegte wieder Brust, machte die Abendschule, ging an die Medizinische. Junge Ärzte beneideten Johann, dachten bestimmt, ich sei längst ihre Frau dabei war ich ein Mädchen. Aber ich verstand, nur Johann war mein Mann.
Wie denn, wenn wie ein Vater?, protestierte Laura.
Ach, nicht ganz. Ich scheute mich nicht vor ihm, wie vor einem Vater. Zwei Betten, Kleidung wechselte ich hinterm Schrank. Aber ich liebte ihn auf besondere Weise. Besser hätte es keinen für mich gegeben. Ich war stolz auf ihn. Wir lebten gut, Teilten alles, ich kochte, kümmerte mich. Er bekam damals ein Auto von der Fabrik chauffierte mich zur Schule. Ich war richtig stolz …
Versteh ich nicht. Wie kann man stolz sein, wie auf einen Ehemann, aber … Und dann?
Dann? Dann kam Schlimmes …
Verhaftung, oder? Oma hat schon mal erzählt.
Ja. Sie kamen nachts und holten ihn. Viele traf es damals in der Stadt. Johann Sabotage staatlichen Eigentums. Irgendwas mit einer Maschine ging schief. Sieben Tage war er in U-Haft. Ich brachte Essen, strickte warme Socken. Im Gerichtssaal war so viel los, ich dachte, ich sehe ihn nie. Beim Rausgehen sagte er leise:
Lass dich scheiden, Gertrud. Schnell, dann bist du frei. Ich bin jetzt ein Feind, lass dich scheiden.
Gertrud schwieg. Die Bilder kamen wieder, Tränen liefen ihr die Wange hinab.
Laura kletterte zur Oma auf die Bettkante.
Weinst du? Nicht weinen, Oma, streichelte sie ihr Bein, Viele wurden damals deportiert, oder?
Ja, Gertrud schniefte, beruhigte sich, Für die Kinder war es das Schlimmste klammerten sich an die Mütter, wurden dann getrennt. Und ich bin ihm gefolgt.
Du bist ihm gefolgt, oder? Mama erzählte schon.
Ja. Die Schule ließ ich, zog ins Sauerland. Erst arbeiteten sie im Wald, ich wohnte im Dorf bei anderen Verbannten. Später kamen sie zur Grube. Da hatten sie gerade Bedarf an einer Sanitäterin meine Ausbildung passte. Die Sterblichkeit war hoch, ich kämpfte wieder wie im Lazarett.
Und wir lebten dann zusammen im Arbeitslager. Da habe ich selbst sein Bett gesucht, sie lächelte Laura zu, Was soll’s, erzähle ich halt. Ich war kaum zwanzig.
Da habe ich gesagt: Ich will nun wirklich Frau sein, nicht nur auf dem Papier. Unser Gernot wurde dort geboren, deine Oma Lena dann in Heidelberg, als wir zurückkamen. War schon mit riesigem Bauch in der Schule, Kuno kam später, als ich vierzig war, Johann schon über fünfzig. Leider ist er früh gestorben, Kuno war neun.
Laura saß still und nachdenklich, das Kinn auf das Knie gelegt.
Oma ich glaube, ich verstehe gar nichts, sinnierte sie, bei euch lief alles andersrum ab.
Andersrum? Vielleicht. Was meinst du?
Na, bei euch begann die Liebe erst, nachdem ihr schon zusammenlebtet. Heute will jeder erst Liebe, dann den Alltag.
Was will man? Du verwirrst mich. Liebe kann man nicht verlangen. Sie ist entweder ein Geschenk oder verdient, aber verlangen …, Gertrud dachte nach, Nie gehört …
Vielleicht reden wir aneinander vorbei, Oma …
Aneinander vorbei? Gertrud drehte den Kopf. Am geneigten Schopf von Laura begriff sie plötzlich. Ach, die dumme Alte! Ach so du meinst … das Bett?
Genau, das, Laura schien, als wollte sie es endlich loswerden, Die Nähe, wie man heute sagt.
Ihre Freundin Ines hatte schon lange gesagt: mit Niklas gibts keine Beziehung mehr Fortschritt, wenn Laura ihm nicht … nachgibt.
Aber das ist doch etwas anderes, seufzte Gertrud, Das ist nicht Liebe.
Nenn es wie du willst, aber es ist doch das Höchste, das Zeichen der Liebe, sprudelte Laura.
Ach Laura, nein. Das ist nicht das Höchste. Als dein Ur-Opa mich nach der Geburt auf Toilette trug, das war das Höchste. Oder als dein Papa wie verrückt durch die Stadt gerannt ist, als bei deiner Mama im Werk eine Explosion war. Oder als Tante Katja ins Wasser sprang für ihren Mann, obwohl sie nicht schwimmen konnte. Oder einfach, wenn zu Hause jemand wartet, kocht, sorgt das ist Liebe, das ist das Höchste.
Gertrud musste nach Luft ringen, so viele Worte auf einmal.
Hier, trink was, Oma, Laura schraubte den Thermos auf. Oma Gertrud mochte kein kaltes Wasser.
Sie trank, legte sich nieder.
Aber wenn er so liebt, dass er nicht mehr warten kann? Dass es dann vorbei ist, sonst hält er es nicht mehr aus? Ines sagt, Niklas hat schon mit Nadine was … Er meint, echte Liebe muss sich zeigen … Und ich hab Angst, dasss dann aus ist, redete Laura hastig.
Wovor hast du denn Angst? Dass er nicht heiratet? Oder was?
Ich weiß nicht. Was, wenn ich mir die Liebe bloß einbilde? Oder er? Aber ich will, dass es für immer ist, so wie bei dir, wie bei Mama und Papa …
Hör darauf, was dein Herz sagt. Wer wirklich liebt, setzt nicht unter Druck. Leidenschaft ist gefährlich. Liebe ist klar und ruhig. Ich hab damals gespürt, dass es kein Zweifel ist, da wollte ich selbst, habe keine Sekunde gezögert. Er fragte mich noch: Willst du wirklich? Und ich nickte stumm, war so verlegen, aber ich konnte nicht anders.
Gertrud war selbst erstaunt über solche Offenheit, besonders vor der Urenkelin, noch ein Kind.
Doch sie starrte in die dunkle Nacht, fixierte einen Punkt und spürte, dass von dort jemand auf sie blickte, sie zum Erzählen zwang.
Sie war so erschöpft, dass sie nicht bemerkte, wann sie eingenickt war. Beim Erwachen schlief Laura schon tief im Sessel. Ob sie zu Ende gesprochen hatten, wusste sie nicht mehr.
Warum nur war sie so offen gewesen? War wohl das Himmelslicht. Nächte sind einfach magisch.
Sie richtete sich auf, schaute auf die schlafende Urenkelin ein Bündel in weißen Höschen. Ach Gott! Da haben wir von solchen ernsten Dingen gesprochen. Vielleicht war es falsch. Oder vielleicht genau richtig. Vielleicht hat Gott sie heute in dieses Zimmer geführt. Wer weiß schon …
Lena, die Tochter, war früh an schwerer Krankheit gestorben. Von ihr blieb Enkelin Veronika. Tatkräftig, laut, aber herzlich. Sie kümmerte sich um die alte Oma. Es war schwer für Veronika: ein großes Haus, Arbeit, zwei Kinder. Und noch die alte Oma … Da liegt die Nervosität nahe.
Am Morgen schlief Oma Gertrud lange.
Als sie aufstand, half ihr Veronika im Bad, wusch sie und brachte ihr Porridge. Sie setzte die Oma in die Kissen, reichte ihr die Schale.
Du solltest nicht so oft mit Laura schimpfen, mahnte sie, Was kommt, kommt. Sprich lieber offen, erzähl deine Geschichte.
Ach was! Wie denn?! Noch ein halbes Kind. Und dieser Typ Bier in der Hand, Arm um sie meint, sie gehöre ihm. Sie schmilzt dahinter … Aber iss! Ich muss noch einkaufen.
Du warst damals doch genauso, hör auf. Wie hat deine Mutter geschimpft. Hast du damals gehört?
Ach, Oma, lass gut sein. Und was habt ihr letzte Nacht geredet? Ich habs gehört …
Ach, einfach von mir erzählt. Woher ich noch die Kraft hatte …
Veronika ging. Gertrud dachte nach, wie sie damals mit Veronika gelitten hatten. Auch sie hatte eine große Liebe. Wollte heiraten, sie luden beide ein aber sie kam allein, auch nicht ganz, sondern schwanger und weinte. Von dem Geliebten keine Spur.
So viele Sorgen. Gertrud hatte gleich gesagt du bekommst das Kind, wir schaffen das. Aber es sollte nicht sein Veronika verlor es im fünften Monat, trotz aller Mühen.
Veronikas Kinder kannten das alles nicht. Ihr Mann wusste es. Liebe, die alles verzeiht. Ein guter Mann, der sie liebt.
Später kam Gertruds alte Nachbarin vorbei. Sie dachten an früher, weinten ein wenig.
Am nächsten Tag flüsterte Veronika plötzlich dankbar:
Oma, was du Laura erzählt hast, weiß ich nicht aber sie hat mit Niklas Schluss gemacht. Endlich, Gott sei Dank! Sie meint: für immer. Ist eh gleich mit einer anderen losgezogen …
Na siehste, fuhr Gertrud nervös mit dem Kamm durchs Haar, Vielleicht ist das gut. Sie ist traurig, ne?
Ja. Liegt den ganzen Tag im Zimmer. Ich lass sie in Ruhe.
Erzähl ihr von dir …
Meinst du? Ach, soll ich …? Es ist peinlich. Ich bin doch ihre Mutter.
Erzähl. Jetzt ist die Gelegenheit.
Na dann … ich versuchs halt.
Und Gertrud hörte das leise Gespräch von Tochter und Mutter. Wahrscheinlich lagen sie nebeneinander und sprachen über das Unsagbare, das so schwer auszusprechen ist. Das Zimmer schien hell und freundlich.
Als sie später in der Küche lachten, Töpfe klapperten, das Stimmengewirr wie Harmonie, schlief Oma Gertrud sanft ein.
Und dann träumte sie ihren Johann. So verlässlich und geliebt, voller sanfter Zuneigung als wäre er von einem Stern herabgestiegen.
Sie lief ihm entgegen über eine taufrische Wiese in genau dem blauen Kleid mit den Sternen. Jeden Halm, jede Blüte sah sie im Detail.
Und ihn sah sie auch mitten auf dem Feld, im weißen Hemd, mit ausgebreiteten Armen. Stark und jung. Er wartete auf sie. Und es war so süß, sich in seine Arme fallen zu lassen, als ob ihre Seelen an den Lippen zusammentrafen …





