Die starrköpfige Maja

Die sture Mechthild

Anna war gerade aus dem Bad gekommen, ließ sich auf einem Küchenstuhl nieder, streckte sich wohlig und genoss, wie der seidene Morgenmantel angenehm kühl auf ihrer Haut lag. Im Bad war es heiß, es roch nach Rosenöl, ein schwerer Dampf hing in der Luft nur fort von dort, einfach raus! Wie gern wäre sie jetzt irgendwo auf dem Dorf, würde hinaus aufs blühende Nachbargrundstück rennen, splitterfasernackt, schrill auflachen, in den kalten Dorfteich springen, umherplantschen und ihren Michael, den Ehemann, herbeirufen

Anna musste sich selbst über ihre wilden Gedanken amüsieren, schob das schwere Handtuch, wie ein Turban kunstvoll um den Kopf geschlungen, zurecht, nahm aus der Schale eine Praline, betrachtete sie einen Moment, legte sie aber wieder zurück. Lust hätte sie auf Eis und ein Glas eiskalten Sekt gehabt, aber woher sollte sie das um diese Zeit bekommen Also musste einfach Tee herhalten.

Als Anna gerade am Herd stand und ein Streichholz für den Wasserkocher angezündet hatte, pochte es vorne an der Tür nicht geläutet, sondern ausdrücklich geklopft, obwohl der Türgong noch immer funktionierte!

Eilig löschte sie das Streichholz, band das Gürtelchen des Morgenmantels und das Handtuch fester und eilte zur Wohnungstür.

Kaum hatte sie geöffnet, wurde ihr auch schon ein Korb mit etwas Weißem und Flauschigem in die Arme gedrückt unter dem Tuch bewegte es sich, maunzte leise.

Grüß dich! Halte mal kurz unser Schätzchen!, rief eine tiefe Frauenstimme, während Anna irritiert den Korb an sich nahm. Schon trugen der Hausmeister und eine rundliche Frau schwere Taschen und Koffer direkt in Annas und Michaels Wohnung. Es waren so viele Sachen, als ob mindestens ein Trupp Soldaten einziehen würde. In den Bündeln schepperte, klimperte und quietschte es. Dann brachten sie einen riesigen Kochtopf mehr ein Bottich und platzierten ihn prompt auf Annas Ledersandalen.

Mechthild! Mensch, Mechthild, beeil dich da unten doch ein bisschen! Lass uns auspacken, ich muss bald die Regionalbahn bekommen!, rief die kräftige Frau mit heiserer Stimme, trat zurück und ließ den Hausmeister vor.

Anna, völlig überrumpelt von dem Überfall auf ihr und Michaels Zuhause, stellte schnell den Korb ab und versuchte, das Schlimmste abzuwenden.

Herr Schmitt! Was ist hier los?! Nehmen Sie das bitte alles wieder mit! Und zwar sofort!, forderte sie den Hausmeister streng.

Wohin denn sonst? Die Dame hats so gewollt und auch gezahlt. Ihr klärt das schon untereinander, ich hab keine Zeit, gleich kommt meine Sandlieferung. Also, Adieu!, murmelte Herr Schmitt und balancierte einen Geschirrstapel auf den Flur eine Schale klirrte und ging zu Bruch. War schon vorher kaputt, ich hab sie nur getragen. So, ich bin dann weg, polterte der Hausmeister und ließ Anna stehen.

Anna stand da, in ihrem feinen Morgenmantel, atmete viel zu schnell aus Empörung? Oder aus Angst? Sie nahm das Handtuch ab, warf es irgendwohin.

Im nächsten Moment betrat die füllige Frau wieder die Diele, öffnete den Reißverschluss ihrer blauen Trainingsjacke, zupfte die Jogginghose mit weißen Streifen hoch und musterte die zierliche Anna.

Bist du also die Hausdame? Na, dann beweg dich mal, oder bist du angeschlagen? dröhnte es unbeirrt. Flugs zog sie die Schuhe aus und stellte sich Anna bedrohlich nahe.

Was soll das alles? Und wer seid ihr überhaupt?!, quiekste Anna und errötete, da sie an ihre Phantasien vom Baden im Teich denken musste.

Wir? Wir sind Mechthild Friedrich, gib mal die Hand, und das da hinten ist Edeltraud. Ach Kind, du hast ein Pfötchen wie ein Hühnchen! Obwohl, im Vergleich zu meinen Hühnern…, lachte Mechthild herzlich und klopfte Anna auf die Schulter. Also, zeig uns mal deinen Palast und bring Wasser, ich sterbe vor Durst! Edeltraud, komm endlich, lass die Hausschuhe, ich wisch später! Und der Mann? Nicht daheim? Na ja…, brummte Mechthild.

Sie folgte Anna, lugte in die Zimmer, knipste im Bad die Lichter. Der Katze mittlerweile herausgekrochen folgte ihnen mit buschigem Schwanz.

Mein Mann ist bei der Arbeit. Wenn er heimkommt, dann wird er…, flüsterte Anna und schloss den Morgenmantel enger.

Na, dann reden wir später noch. Ah, das Wasser! Danke sehr!, Mechthild trank ein hohes Glas in gewaltigen Zügen leer, während Anna gebannt zusah. Wie war noch dein Name, Kindchen?

Anna. Und jetzt bitte…

Doch Mechthild klopfte gutmütig auf Annas Rücken. Und jetzt essen wir erstmal was! Essenszeit und kein Tisch gedeckt das kommt davon, wenn man niemanden erwartet, prustete sie. Dein Mann auch nicht, nehme ich an. Wird eine Überraschung! Edeltraud, hör auf zu trödeln, bring das Essen: Kartoffeln und Frikadellen sind in den Dosen. Habe ich gestern gleich gemacht, als ich spürte, dass es hier nichts gibt. Ihr Städter lebt ja komisch im Kühlschrank hängt ja die Maus noch am Strick! Edeltraud, welche Ablage willst du? Drei gibts.

Noch ehe Anna protestieren konnte, zog Mechthild eine ältere Dame mit Dutt und Wolljacke ins Wohnzimmer Edeltraud, die leise gestresst vor sich hin wisperte: Kindchen, entschuldige, das war alles Mechthilds Idee ich habe es ihr ausreden wollen. Es ist doch nicht recht so!

Das ist die Wahrheit! Raus mit euch, sonst rufe ich…, begann Anna, verstummte aber unter Mechthilds strengen Blick.

Schrei nicht, junge Frau. Rufen kann ich auch wen, nur mag ich keinen Trubel. Anna, setz schon mal Wasser auf, Edeltraud, hol die Kartoffeln rüber! Langsam, hier kriegt ihr bei mir was Vernünftiges. Und Frikadellen, damit ihr satt werdet. Sonst lebt ihr nur von Resten!, kommandierte Mechthild, während sie alles aufbaute.

Anna schluckte nervös, stellte sich vor, wie Mechthild in ihrer Badewanne feststecken könnte.

Vielleicht setzen wir uns doch einfach? Zum Reden. Ich verstehe gar nichts mehr, warf Anna hervor und manövrierte die seltsame Gesellschaft in ihre Küche.

Genau. Jetzt trinken wir was! Ich habe noch Sekt von der Hochzeit…, sagte Anna zögerlich.

Perfekt! Ein Haus ohne Tischtuch ist wie eine Frau ohne Kleid. Also: Tisch decken!, rief Mechthild forsch.

Anna holte Gläser, der Korken schoss fast gegen ihren Kopf. Prost, auf das neue Zusammenleben!, krächzte Mechthild, die Frikadellen teilend.

Jetzt aber was läuft hier, wer seid ihr wirklich?, rutschte Anna auf ihrem Stuhl nach hinten.

Klar, Kind! Ach Edeltraud, so viel investiert, Sohn durchgefüttert, und du wirst nicht als Schwiegermutter erkannt! Das ist Edeltraud, deine Schwiegermutter blutverwandt!, tönte Mechthild und schenkte nach.

Anna riss die Augen auf. Wie Schwiegermutter? Wir fahren doch regelmäßig zu ihrem Grab… Mein Mann sagt, seine Mutter hieß Helga…

Da hastes, Edeltraud, du bist längst beerdigt!, lachte Mechthild.

Edeltraud schüttelte den Kopf, machte ein Kreuzzeichen. Wie jetzt, tot?! Nein, mein Herz ist kerngesund!

Und wie heißt dein Mann nochmal, Kind?, fragte sie leise.

Michael, Michael Bauer!

Da fuhr Edeltraud erschrocken zurück, wurde rot, stotterte: Mechthild! Wir sind im falschen Haus, bei der falschen Familie! Sie griff zu den Tellern.

Mechthild trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Wie heißt du gleich?

Anna.

Und wie

Steffi. Mechthild, wir hätten heimfahren sollen!, wisperte Edeltraud.

Mechthild, ganz in Fahrt, ließ sich nicht stoppen: Hör mal zu, Anna. Edeltrauds Sohn hat sie überzeugt, ihr Häuschen zu verkaufen. Wollte für beide Wohnungen kaufen wurde aber nix. Sie zieht zu mir, ich hab eh nur ein Zimmer. Nach Monaten gibts immer noch keine Wohnung. Dann schleppt er sie mit in ein Abrisshaus. Da hätte ich ihn fast erwürgt! Dann nennt er so stolz seine Adresse Tannenweg und du wohnst am Tulpenweg. Mein Hirn, seit einem Sturz mit vier Jahren auf der Schaukel, verwechselt ständig was. So isses.

Anna stellte sich das kleine, pummelige Mechthild, Heulsuse auf dem Spielplatz, vor eine Szene wie aus einem alten DEFA-Film.

Ach, dann ab zurück auf den Tannenweg. Ich schlaf zur Not auf dem Bahnhof!, seufzte Mechthild.

Edeltraud winkte ab: Quatsch, ich komm schon zurecht nur keine Umstände, ich halte vieles aus.

Umstände? Dein Sohn! Du hast dich für ihn aufgeopfert, und er lässt dich im Stich! Da bin ich froh, dass ich keine Kinder hab. Ich red noch mit ihm! Anna, sag auch was!, warf Mechthild aufgebracht aus.

Anna nickte beflissen. Mechthild hat recht! Sie haben ein schönes Leben verdient, Edeltraud!

Edeltraud nestelte an ihrer Strickjacke. Ich hab ja was unterschrieben

Dafür bin ich ja da!, versprach Mechthild. Anna, die Sachen bleiben noch kurz hier? Und der Kater, Timon, ist handzahm. Gib ihm nicht zu viel, ja?!

Anna zuckte die Schultern. Natürlich…

Pass auf Timon auf, kein bisschen Schinken!, rief Mechthild, küsste Anna dreimal auf die Wange, bekreuzigte Edeltraud und zog sie mit.

Anna blickte den beiden vom Fenster nach. Der Tag war mit einem Schlag vorbei, der Sekt auf dem Tisch schäumte aus.

Am Abend, als Michael heimkam, blieb er in der Diele stehen: Anna, ziehen wir um?

Mit Timon im Arm lächelte Anna und schüttelte den Kopf. Nein. Das sind Sachen deiner Mama oder, na ja, das ist eine längere Geschichte. Keine Sorge, da wars nur eine Verwechslung

Michael runzelte die Stirn. Wessen Sachen?

Später, als sie Tee kochten, lachte Michael: Ihr habt etwa den Hochzeitssekt geköpft?

Wir haben die neue Wohnung gefeiert. Und das Kennenlernen…, schmunzelte Anna und begann zu erzählen.

Gegen elf fuhr ein Transporter vor, Mechthild erschien wieder, Michael half beim Tragen. Was ist rausgekommen?, wollte Anna wissen.

Kinderleicht! Konnte einen Schlüssel organisieren, Sohnemann am Meer, Nachbarn aufgeschlossen. Ich bleib bei Edeltraud, bis sie was Eigenes hat. Danke euch für alles Liebe und Segen!, rief Mechthild, umarmte Michael, küsste Anna fest. Nicht genieren! Ist doch nur mütterlich

Zwei Monate später stand sie erneut in der Tür. Kostja hat eingesehen, dass er Mist gebaut hat, trennt sich von der Frau und ich hab sein Abrisshaus besetzt, bis wir die Wohnung teilen. Und wie gehts euch?

Anna wollte noch nichts erzählen von der Schwangerschaft; Mechthild zwinkerte: Kein rohes Sauerkraut, Anna! Hier, Äpfel aus dem Garten, knackig, frisch greift zu!

Anna nahm dankbar einen Beutel, Michael lächelte. Mit dir überlebt man alles, Mechthild!

Ich düs dann mal ins Amt, hol für Edeltraud ne Kur. Soll sich erholen!, schwor Mechthild, schwang sich aus der Tür.

Michael blickte Anna an. Warum so betrübt?

Lass uns ein weißes Kätzchen holen, so ein flauschiges es wird…, fing Anna an zu bitten.

seinen Pelz überall verteilen!, fiel Michael lachend ein. Das ist eine große Entscheidung. Wer bin ich dann in dem Haus? Lass mich nachdenken!

Anna verdrehte die Augen, seufzte und ging in die Küche, Äpfel essen. Eines wusste sie Mechthild würde Michael schon noch umstimmen. Ganz bestimmt!

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Homy
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