Der Zufallsvertrag – Ein unerwartetes Abkommen auf dem Berliner Alexanderplatz

Zufälliger Vertrag

Hanna, versteh doch, wir sind keine Feinde, sagt Anton, und sein Ton klingt so geduldig, als müsse er einem sehr begriffsstutzigen Menschen etwas ganz Offensichtliches erklären. Die Wohnung wurde nun mal während der Ehe gekauft. Das ist Fakt.

Hanna Maria Behringer steht am Fenster und blickt in den Hof hinaus. Unten schwingt der alte Apfelbaum, den sie selbst vor zwölf Jahren gepflanzt hat, kurz nach dem Einzug. Ein kleiner Setzling damals, den sie vom Wochenendausflug ins Allgäu im Plastikbeutel mitgebracht hat.

In der Ehe, wiederholt sie leise.

Na ja. Das heißt, laut Gesetz gehört die Hälfte mir.

Hanna dreht sich um. Anton ist zweiundfünfzig, ordentlich frisiert, in genau dem grauen Hemd, das sie ihm vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt hat. Er steht mitten in ihrer Küche und redet über die Hälfte ihrer Wohnung so ruhig, wie andere über das Wetter sprechen.

Erinnerst du dich, mit welchem Geld diese Wohnung gekauft wurde? fragt Hanna.

Das Geld war unterschiedlich.

Anton, ich habe das Haus meiner Großmutter verkauft. Das ganze Geld war von mir. Du hast damals selbst gesagt: Hanna, das ist dein Geld, entscheide du.

Kann mich nicht erinnern, das so gesagt zu haben.

Hanna spürt etwas Schweres und Dumpfes unter den Rippen. Es ist nicht einmal Wut. Eher etwas anderes.

Gut, sagt sie. Geh.

Hanna, das ist nichts Persönliches. Es ist einfach das Gesetz.

Ich habe gesagt: Geh.

Er geht. Die Tür fällt leise ins Schloss, fast behutsam. Hanna bleibt alleine in der Küche zurück, in der es nach Kaffee riecht und nach etwas Herbem, dessen Namen sie nicht zuordnen kann.

Sie ist achtundfünfzig Jahre alt. Dreiundzwanzig Jahre hat sie mit Anton Behringer gelebt. Und all die Jahre war Eva Behringer in ihrer Nähe, Antons Mutter. Erst im Nachbarhaus, dann ein paar Straßen weiter aber immer dicht daneben.

Hanna schenkt sich Wasser ein, trinkt das Glas in einem Zug leer und geht ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa liegt die Katze Lotte, rot getigert, völlig unbeeindruckt vom Geschehen um sie herum. Hanna setzt sich daneben und lehnt die Hand an das warme Fell.

Draußen schaukelt der Apfelbaum.

Die Scheidung läuft seit Februar. Hanna hat sie selbst beantragt, weil sie irgendwann nicht mehr warten konnte und wollte. Nachdem im Herbst herausgekommen ist, dass Anton seit einem halben Jahr heimlich Geld an seine Mutter überweist, ist irgendetwas in ihr gebrochen. Nicht wegen des Geldes. Wegen seines Blicks, wenn sie ihn fragte ruhig, fast gelangweilt.

Sie hatten nie laut gestritten. Sie hatten in den letzten zwei Jahren kaum noch miteinander gesprochen. Anton war irgendwie da: kam, ging, aß, schaute fern. Aber der richtige Anton war längst nicht mehr bei ihr. Hanna hat das erst langsam begriffen, wie man merkt, dass die Sehkraft nachlässt. Nicht auf einmal. Irgendwann bemerkt man, dass man längst nichts mehr richtig sieht.

Freitags hat sie die Scheidung eingereicht. Am Montag rief Eva Behringer an.

Hanna, wir müssen reden, sagte sie mit fester, klarer Stimme. Genau wie vor dreiundzwanzig Jahren.

Worüber, Eva?

Über die Wohnung. Und was du mit unserem Jungen vorhast.

Unser Junge. Anton ist zweiundfünfzig.

Dazu habe ich nichts zu sagen, antwortet Hanna ruhig.

Ich war immer gut zu dir, Hanna.

Das war nicht wahr, aber Hanna sagt nichts. Sie verabschiedet sich und legt auf. Dann sitzt sie da und denkt, dass dieses “gut gewesen” wohl bedeutet, wie Eva Behringer all die Jahre einfach in ihre Wohnung kam, Dinge umgestellt, bestimmt hat, wo Anton Silvester verbringt, und warum Hanna den Sauerbraten falsch macht.

Hannas Freundin, Monika Krämer, arbeitet als Buchhalterin in einem kleinen Betrieb, wohnt im Nachbarhaus und kennt Hanna seit dreißig Jahren. Noch am selben Abend kommt sie mit selbstgebackenem Apfelkuchen vorbei.

Und, was wollte sie? fragt Monika ohne Umschweife.

Die Wohnung, antwortet Hanna schlicht.

Monika stellt den Kuchen auf den Tisch, schaut Hanna an und fragt:

Warst du schon beim Anwalt?

Noch nicht.

Hanna. Geh hin. Gleich morgen.

Mona, ich weiß. Ich hab nur keine Kraft mehr.

Versteh ich. Aber erst Anwalt, dann Füße hochlegen.

Zwei Tage später hat Hanna ihren Termin beim Anwalt. Die Juristin heißt Bettina von Dahlen, Mitte vierzig, betreibt ihr Büro im ersten Stock eines Altbaus. Es riecht nach Kaffee und Papier. Auf ihrem Schreibtisch steht ein kleiner Kaktus im Topf mit der Aufschrift Unverwüstlich.

Fangen Sie bitte ganz von vorne an, bittet Frau von Dahlen und schlägt ihr Notizbuch auf.

Hanna berichtet vom Haus der Großmutter in Oberbayern, das sie 2012 verkauft hat. Dass das Erbe ihr allein gehörte, alles belegt. Wie sie und Anton die Wohnung ausgesucht haben, wie sie davon bezahlte, er neben ihr stand und nur nickte. Dass die Wohnung beim Kauf auf beide eingetragen wurde, weil sie ja verheiratet waren sie hat damals nicht daran gedacht, dass das eine Rolle spielen könnte.

Frau von Dahlen hört ruhig zu, schreibt mit.

Haben Sie die Unterlagen zum Geldnachweis?

Ja. Kaufvertrag vom Haus, Kontoauszüge. Habe ich alles gefunden.

Das ist gut, sehr wichtig. Aber bei der Vermögensaufteilung zählt vieles. Auch ob die Gegenseite behaupten kann, eigenes Geld sei eingeflossen.

Er hat damals kaum etwas verdient.

Das müsste man beweisen können. Haben Sie Unterlagen zu seinen damaligen Einkünften?

Vermutlich. Lohnbescheide, Kontoauszüge.

Sammeln Sie alles, was Sie haben.

Das Gespräch dauert fast vierzig Minuten. Frau von Dahlen erklärt ruhig, dass eine Vermögensaufteilung ein langsamer Prozess ist, dass die andere Seite vermutlich ebenfalls anwaltlich beraten wird, und dass man auf einen Gerichtsprozess einstellen sollte, an ein schnelles Ergebnis brauche man nicht zu denken.

Während Hanna zuhört, spürt sie wieder diese schmale Härte in sich. Nicht aus Angst. Aus Erschöpfung. Die Sache, die einen Abschluss finden sollte, wird zu einem langen, steinigen Weg.

Eines will ich direkt sagen, fügt Frau von Dahlen am Ende hinzu, klappt den Block zu. Sichten Sie vor Gericht alle alten Papiere: Ehevertrag, falls vorhanden, Abmachungen, Quittungen, alles, was Eigentum betrifft. Viele vergessen Dokumente, die alles verändern können.

Hanna nickt, versteht nicht ganz. Was für ein Ehevertrag? Den haben sie nie gemacht.

Sie ist gegen 18 Uhr wieder zu Hause. Monika wartet auf der Bank vor dem Haus.

Und?

Wird schwierig, sagt Hanna. Aber nicht hoffnungslos. Ich muss alle Papiere zusammensuchen.

Wo sind die?

Ein Teil im Schrank-Ordner. Der Rest irgendwo, wohl in dem Schub, der jahrelang geschlossen war.

Morgen suchen wir, entscheidet Monika.

Am nächsten Tag räumen sie gemeinsam den Schrank im großen Zimmer aus. Der untere Schub war bestimmt fünf Jahre nicht geöffnet. Darin stapeln sich alte Fotos, Briefe, Quittungen, Urkunden mit DDR-Stempel, ein abgelaufener Reisepass, einige mit Kordel umwickelte Umschläge.

Was ist das? fragt Monika und zeigt auf die Umschläge.

Keine Ahnung. Irgendetwas Altes.

Sie sortieren lange. Monika legt Relevantes zur Seite, den Rest in eine Kiste. Hanna betrachtet Bilder, versucht nicht zu denken, dass Anton auf jedem Zweiten davon neben ihr steht.

In einem dieser mit Schnur umwickelten Umschläge findet Hanna Dokumente. Sie löst die Kordel, zieht Papiere heraus. Alte Quittung. Ein handschriftlicher Brief der Cousine. Und ein gefaltetes, dickes Blatt, ein Notarsiegel prangt darauf.

Hanna zieht es auseinander.

Liest die erste Zeile, dann die zweite.

Mona, sagt sie.

Ja?

Hanna antwortet nicht. Sie liest durch bis zum Ende, dann wieder von vorn, langsam, jedes Wort.

Hanna, was ist los? Monika sieht sie an, Sorge in der Stimme.

Das ist ein Ehevertrag, sagt Hanna, und ihr eigener Ton klingt ihr fremd.

Monika nimmt das Blatt, überfliegt es.

Wann wurde das unterzeichnet?

Zweitausendachtzehn, liest Hanna. März.

Und was steht da?

Dass die Wohnung in der Lindenstraße 12 allein mir gehört. Unabhängig von allem.

Sie schweigen. Draußen das Dröhnen der Autos. Lotte springt vom Sofa, reibt sich an Hannas Beinen, läuft in die Küche.

Das Jahr 2018 ist Hanna nur bruchstückhaft im Kopf. Ihre Mutter war schwer krank, Hanna fuhr regelmäßig nach Tübingen, ihr Geist war voller Sorgen. Anton war mit eigenen Problemen beschäftigt, nervös, schlaflos, telefonierte stundenlang, eingeschlossen. Sie fragte: Was ist los? Er meinte nur: Nichts, dienstlich.

Monate später erwähnte er zwischen Tür und Angel: Erinnerst du dich, ich habe doch neulich bei der Notarin was unterschrieben? Mama hat darauf gepocht, irgendwas mit der Wohnung umschreiben, du hast auch unterschrieben.

Ich? hatte sie überrascht gefragt.

Ja, du warst dabei, oder? Erinnerst du dich nicht?

Sie erinnerte sich nicht. Es war alles zu viel. Bestimmt hatte sie unüberlegt irgendwas unterschrieben.

Jetzt hält sie das Papier in der Hand.

Hanna, sagt Monika langsam. Dir ist klar, was das heißt?

Ja.

Es ändert alles.

Ich weiß.

Sofort zum Anwalt. Mit diesem Papier.

Hanna legt das Dokument sorgsam in die Mappe, stellt sie auf den Tisch. Plötzlich fühlt sie etwas Ungewöhnliches. Keine Freude, kein Aufatmen. Etwas Ruhiges, Komplexes.

Sie erinnert sich an das Jahr 2018 Stück für Stück. Anton steckte in einer finanziellen Klemme, hatte Geld von einem Geschäftspartner, die Sache lief schief, Schulden. Gespräche, dass vielleicht gepfändet werden könnte. Eines Morgens kam Eva unerwartet, aufgeregt, redete mit Anton hinten in der Küche. Hanna telefonierte mit ihrer Mutter.

Dann bat Eva sie: Hanna, bitte, unterschreib sofort etwas zum Schutz der Wohnung. Hanna, abgelenkt, dachte an ihre Mutter, stimmte zu, unterschrieb in der Notarkanzlei. Mehr erinnerte sie nicht, nur dass die Notarin eine Dame mit kurzem Haar war, es nach frischer Farbe roch.

Eva hatte das alles eingefädelt. Zum Schutz, vorübergehend. Bis es sich beruhigen würde.

Aber Jahre vergehen, keiner kam darauf zurück. Anton vergaß es offenbar, oder hielt es für belanglos. Eva wohl auch. Das Dokument blieb im Umschlag, tief im Schrank.

Als Hanna Frau von Dahlen den Vertrag bringt, prüft die Anwältin alles sorgfältig.

Ist das beglaubigt?

Ja, Siegel und Unterschriften.

Das Original?

Ja.

Nach kurzem Schweigen sagt Frau von Dahlen:

Frau Behringer, so ein Ehevertrag zählt. Wenn da steht, dass Ihnen die Wohnung allein gehört, ist das für die Gegenseite kaum angreifbar.

Was bedeutet das für die Scheidung?

Die Teilung der Wohnung ist damit für die Gegenseite fast aussichtslos. Selbst wenn Ihr Mann es versuchen will er müsste den Vertrag selbst anfechten. Und das ist schwierig, der Nachweis von Zwang oder Täuschung ist kaum zu führen.

Seine Mutter hat alles aufgesetzt. Es war ihre Idee.

Ein wichtiges Indiz.

Sie hat es bloß vergessen.

Frau von Dahlen lächelt kaum merklich.

Das kommt vor.

Sie besprechen die nächsten Schritte: Dokumente kopieren, Notarin überprüfen, Details klären.

Beim Heimweg stößt Hanna im Flur auf einen fremden Mann. Beide treten zur Seite, nicken sich zu eine zufällige Begegnung, an die sie trotzdem denkt. Vielleicht, weil das der erste Mensch war, der sie an diesem Tag einfach nur als sie selbst ansah.

Antons Anruf erreicht sie eine Woche später, abends. Seine Stimme ist weniger selbstsicher als sonst.

Hanna, lass uns mal treffen. In Ruhe reden.

Worüber?

Über die Wohnung. Vielleicht finden wir eine Lösung.

Anton, ich habe eine Anwältin. Alles wegen der Wohnung läuft über sie.

Wir könnten das doch selbst regeln.

Du hast zuerst einen Anwalt geholt.

Stille.

Das war Mamas Idee.

Hanna denkt, dass das alles sagt. Dreiundzwanzig Jahre war immer alles Mamas Idee. Nie seine.

Anton, ich möchte jetzt nicht sprechen. Wenn du was besprechen willst, lass deinen Anwalt mit meiner Anwältin reden.

Mama ist sehr enttäuscht.

Ich höre es.

Hanna…

Auf Wiederhören, Anton.

Sie legt auf. Geht in die Küche, setzt Wasser auf. Ihre Hände zittern nicht. In ihr ist weder Wut noch Mitleid. Da ist nur eine ruhige Müdigkeit, wie nach einer langen Reise, wenn man Licht durch das heimische Fenster sieht.

Monika ruft eine halbe Stunde später an.

Na, wie geht’s?

Ganz gut.

Hat er angerufen?

Woher weißt du das?

War klar, lacht Monika. Was wollte er?

Seine Mutter ist enttäuscht.

Monika schweigt kurz.

Hanna, mal ehrlich: Wann hast du gemerkt, dass es nicht mehr stimmt? Nicht der Moment, wo du die Scheidung eingereicht hast früher, innerlich.

Hanna überlegt.

Vor etwa sieben Jahren. Wir wollten in den Urlaub. Ich hatte alles gebucht, fast bezahlt. Dann meinte seine Mutter: Jedes Jahr fahren wir doch zu Tante Ruth an die Ostsee. Anton kam und meinte: Hanna, vielleicht ein andernmal? Also hab ich storniert. Wir fuhren zur Ostsee.

Und?

Danach nie mehr woanders hin. Immer Ostsee, immer Tante Ruth, immer die Sprüche seiner Mutter übers Kochen.

Monika schweigt.

Sieben Jahre, und du hast noch sieben weiter gemacht.

Ja. Ich dachte, vielleicht liegt’s an mir. Vielleicht ist das normal. Die Leute leben halt so.

Die Leute haben verschiedene Leben.

Heute weiß ich das besser.

In der Woche darauf fragt Antons Anwalt nach einer Besprechung keine Gerichtsverhandlung, sondern einfach das Gespräch. Bettina von Dahlen ist nicht begeistert.

Solche Termine bringen selten Ergebnisse. Meist nur, um zu erfahren, was Sie wissen und was nicht.

Trotzdem will ich hin.

Wieso?

Ich will sein Gesicht sehen, wenn er den Vertrag sieht.

Nach kurzem Schweigen stimmt Frau von Dahlen zu.

Freitag, im selben Anwaltsbüro. Antons Anwalt, Herr Paul Krüger, korpulent, akkurat unter dem Schnurrbart, mit Habitus eines Mannes, der es gewohnt ist, zu gewinnen.

Auch Anton ist da. Er steht im Flur, schaut aufs Handy. Als Hanna kommt, hebt er den Blick. Sie sieht: Er ist nervös nur ein wenig, aber doch nervös.

Sie gehen in den Besprechungsraum. Setzen sich gegenüber. Krüger breitet Papiere aus.

Wir würden gerne über einen Vergleich reden, beginnt er. Gütertrennung ist oft aufwändig und teuer, für beide Seiten. Wir sind bereit, alternative Wege zu gehen.

Welche denn? fragt Frau von Dahlen.

Mein Mandant bietet eine Auszahlung statt Wohnungsanteil.

Welche Summe meinen Sie?

Krüger nennt sie. Hanna bleibt regungslos. Die Zahl liegt deutlich unter dem halben Marktwert, aber das zählt heute nicht mehr.

Vorher sagt Frau von Dahlen ruhig möchten wir Ihnen ein Dokument übergeben, das die Lage grundlegend ändert.

Sie schiebt den Ehevertrag rüber.

Krüger liest. Hanna beobachtet Anton, der aufs Papier starrt, dann aufblickt, in den Augen ein Ausdruck, für den es kein Wort gibt keine Wut, kein Groll, eher Verwirrung. Echte, fast kindliche.

Was ist das?

Ein notariell beglaubigter Ehevertrag von März 2018, erklärt Frau von Dahlen. Damit gehört die Wohnung in der Lindenstraße 12 ausschließlich Hanna Maria Behringer.

Anton sieht zu seinem Anwalt. Krüger liest, bleibt äußerlich ruhig, doch seine Finger bewegen sich langsamer.

Wir werden das prüfen, sagt Krüger.

Natürlich. Das ist das Original, Kopie möglich.

Schweigen.

Anton, Hanna spricht einfach aus dem Bauch heraus. Weißt du noch, warum du damals unterschrieben hast?

Anton sagt nichts.

Es war die Idee deiner Mutter, um die Wohnung vor deinen Gläubigern zu schützen. Sie war damals sehr in Sorge.

Anton blickt auf die Tischplatte.

Ja, ich erinnere mich, sagt er schließlich leise. Ich erinnere mich an den Tag.

Ich nicht. Ich habs erst jetzt, durch Zufall, wiedergefunden.

Schweigen.

Gut, Krüger erhebt sich. Wir brauchen Zeit.

Sie verlassen den Raum. Hanna und Frau von Dahlen bleiben zurück.

Sie haben sich gut geschlagen, sagt die Anwältin.

Ich bin nur müde, meint Hanna. Wenn man müde ist, hört die Angst auf.

Abends ruft Eva an. Hanna sieht den Namen, bleibt gelassen. Sie nimmt ab.

Hanna, Evas Stimme klingt ungewohnt weniger streng, als sonst. Anton hat mir von dem Papier erzählt…

Ja.

Hanna, es war damals nur temporär. Verstehst du? Zum Schutz, nicht für immer…

Eva, ein Notar macht keine temporären Verträge. Das ist ein offizielles Dokument.

Aber wir hatten das doch anders gemeint…

Es gab keine weitere Absprache. Ihr hattet Angst, dass die Wohnung weg ist, ich habe unterschrieben, weil ihr gebeten habt. Ich habe nicht gelesen. Ich habe vertraut.

Pause.

Hanna, du warst immer eine vernünftige Frau.

Bin ich auch. Deshalb lasse ich alles so, wie es ist.

Du lässt uns jetzt mit nichts zurück.

Euch? Ihr wohnt in eurer eigenen Wohnung. Anton ist erwachsen. Er wird eine Lösung finden.

Du bist herzlos.

Das Wort geht an Hanna vorbei; früher hätte es getroffen. Heute nicht.

Auf Wiederhören, Eva.

Sie stellt den Wasserkocher an, brüht den Tee stark, mit Minze, genauso, wie sie es mag. Die Minze wächst auf dem Fensterbrett, in einem kleinen Keramiktöpfchen gesetzt, als sie erkannte, dass es Anton egal war, ob etwas Lebendiges in der Wohnung steht oder nicht.

Die nächsten Wochen sind gefüllt mit Formularen, Telefonaten, Kanzleiterminen. Frau von Dahlen warnt, die Gegenseite könnte versuchen, den Vertrag anzufechten. Hanna sammelt Belege, fährt zum Notar, ins Amtsgericht, zurück. Manchmal begleitet Monika sie, einfach, um da zu sein.

Eines Abends fragt Hanna:

Meinst du, Anton wusste vom Vertrag?

Keine Ahnung. Und du?

Ich glaube, er hat es längst vergessen. Es war Mamas Initiative, wie immer. Er hat sich nie interessiert.

Und?

Das ist das Bitterste. Nicht, dass er es wusste und verschwieg. Sondern weil es ihm gleichgültig war.

Monika schweigt.

Vielleicht hat er dich deshalb auch nicht bemerkt.

Genau das.

Es ist keine Bitterkeit. Es ist bloße Feststellung.

Nicht sehr viel später gibt Antons Anwalt auf, den Vertrag anzufechten. Frau von Dahlen erklärt Hanna, dass es praktisch keine Möglichkeit gibt, weil der Vertrag freiwillig vor einem Notar unterzeichnet wurde von beiden Seiten.

Der Rest: Auto, Konten, Möbel das ist schnell geklärt. Anton bekommt das Auto, Hanna ein Sparkonto, das Mobiliar wird friedlich geteilt. Fast ohne Streit.

Die Scheidung wird im April vollzogen. Hanna Maria Behringer nimmt wieder ihren Mädchennamen an: Hanna Maria Schneider. Diese Entscheidung hatte sie längst still für sich getroffen.

Am Tag, als alles offiziell wird, tritt sie vor das Gerichtsgebäude, wartet kurz. Frau von Dahlen kommt nach, sagt noch etwas zu Formalien. Hanna nickt.

Dann geht die Anwältin, Hanna steht allein im frühen Aprilsonnenschein, auf den Treppen, sieht die Menschen an sich vorbeilaufen.

Monika ruft an.

Nun?

Es ist vorbei.

Ich komme, warte auf mich, ja?

Ich gehe nicht fort.

Gut.

Hanna steckt das Handy weg. Dann denkt sie an ihren Sohn. Markus lebt in Hamburg, sie sprechen wöchentlich, sehen sich selten. Er weiß vom Verfahren, aber nicht jedes Detail; sie möchte ihn nicht überfordern.

Sie wählt seine Nummer.

Mama, und? hebt er ab.

Es ist offiziell. Geschieden.

Und wie geht es dir?

Gut, wirklich. Frag nicht so, als müsste ich jetzt weinen.

Ich denke nicht, dass du das musst.

Wirklich, Markus. Mir gehts gut.

Die Wohnung?

Gehört mir. Ganz.

Pause.

Wie kam das?

Altes Dokument. Ehevertrag. Ich hatte ihn ganz vergessen.

Wahnsinn, Mama. Und jetzt?

Laut Vertrag ist alles meins. Sie konnten nichts machen.

Markus schweigt.

Mama, wirklich alles okay?

Ich meine es ernst. Zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl, auf Boden zu stehen, der nur mir gehört.

Das ist gut, Mama.

Ja, vermutlich.

Ich versuche, nächste Woche zu kommen.

Nur, wenn du magst.

Ich mag.

Dann freue ich mich. Ich mache Rinderrouladen.

Abgemacht.

Hanna denkt kurz an Rinderrouladen. Die, das weiß sie, kann sie. Eva Behringer hat zwar immer gesagt, sie mache sie nicht richtig, aber Anton aß jedes Mal zwei Portionen. Eine kleine, banale Erinnerung, ohne Bedeutung.

Monika kommt, Mantel offen, Tüte in der Hand.

Was hast du da? fragt Hanna.

Kirschkuchen. Wir brauchen Kuchen.

Wir brauchen immer Kuchen.

Sie fahren zu Hanna. Monika steuert, Hanna sitzt daneben, blickt zum Fenster hinaus. Die Stadt zieht vorbei, vertraut und fremd zugleich. Oder ist sie selbst jetzt fremder geworden?

Mona, sagt Hanna.

Ja?

Erinnerst du dich, wie wir uns kennenlernten?

Natürlich. 1994, du warst gerade eingezogen. Du hast bei der Nachbarin Salz geborgt, ich stand im Flur.

Und du hattest so einen lustigen Haarschnitt.

Den hab ich heute noch.

Nein, diesmal ist er normal.

Im Hof steht der Apfelbaum, frisches helles Grün an den Zweigen. Hanna sieht ihn, denkt, dass Bäume bis zum Himmel wachsen, wenn man sie lässt.

Sie gehen in die Wohnung. Hanna schließt mit ihrem Schlüssel auf, durchquert den Flur, die Küche, bleibt am Fenster stehen.

Monika bereitet Tee, packt Kuchen aus, rasselt mit Tassen.

Setz dich, ruft sie. Hör auf zu träumen.

Ich schaue den Apfelbaum an.

Der läuft nicht weg.

Ich weiß.

Hanna setzt sich. Lotte springt sofort auf ihren Schoß. Hannas Hand liegt auf dem warmen Fell.

Und jetzt? fragt Monika beim Kuchenaufschneiden. Was machst du als nächstes?

Kein Ahnung, gesteht Hanna. Zum ersten Mal seit langem weiß ich es nicht. Und weißt du: Es ist fast angenehm.

Fast?

Ein bisschen Angst ist schon dabei. Aber hauptsächlich ist es schön.

Monika schenkt Tee ein. Sie sitzen da, hinterm Fenster schwankt der Apfelbaum. Kinder lachen unten im Hof. Lotte schnurrt.

Weißt du, was ich denke? fragt Monika plötzlich.

Was denn?

Wäre deine Schwiegermutter 2018 nicht so in Panik gewesen, hättest du jetzt keine Wohnung.

Hanna schweigt.

Ja, vermutlich.

Das Leben ist schon verrückt.

Schon, sagt Hanna. Aber manchmal funktioniert es.

Sie trinken Tee. Monika redet über die Arbeit, einen neuen Chef, der ständig Buchungszeilen verwechselt. Hanna hört zu, lacht ab und zu. Lotte geht vom Schoß aufs Fensterbrett, die Ohren angelegt, Blick in den Hof.

Das Handy vibriert. Eine Nachricht von Anton. Hanna liest. Hanna, es tut mir leid. Ich weiß nicht, ob es dir was bedeutet.

Monika blickt fragend. Hanna zeigt ihr das Display.

Und?

Ich weiß nicht. Vielleicht ist es wichtig. Vielleicht auch nicht.

Sie legt das Handy mit dem Display nach unten zurück aufs Tischtuch. Nimmt den Becher, trinkt Minztee.

Mona, sagt sie.

Ja?

Schenk nach.

Monika tuts. Sie bleiben sitzen, das Licht verschwindet über den Dächern, es wird ruhig und dunkel in der Küche ein ganz normaler Aprilabend in der Lindenstraße 12. Hannas Wohnung.

Später zieht Monika den Mantel an, sucht die Schlüssel, steht im Flur.

Hanna, sagt sie an der Tür.

Ja?

Alles in Ordnung bei dir?

Ja, wirklich.

Monika sieht sie lange an, nickt.

Ich glaube dir.

Schön.

Ruf morgen an.

Mach ich.

Die Tür schließt sich. Hanna bleibt allein. Sie geht ins Zimmer, setzt sich aufs Sofa, Lotte krabbelt dazu. Draußen die letzten Lichtspuren, der Hof, der Apfelbaum, kaum zu erkennen.

Hanna sieht auf ihr Handy, liest nochmal Antons Nachricht: Es tut mir leid. Ich weiß nicht, ob es dir was bedeutet. Sie hält das Telefon, überlegt: antworten? Oder doch nicht? Sagen, was wahr ist, oder schweigen?

Sie weiß es noch nicht. Es bleibt erstmal eine offene Frage.

Hanna legt das Handy weg, lehnt sich zurück. Lotte an ihrer Seite, warm und leise. Die Wohnung still. Es ist ihre Stille. Ihre Wände. Ihr Apfelbaum im Hof.

Alles Weitere kann bis morgen warten.

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Homy
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