Unverzichtbare Weggefährten

Sie haben mich gerufen, Herr Jürgen Imhoff? Miriam lächelte, griff die schwere, dicke Aktenmappe mit wichtigen Dokumenten noch sicherer.

Ach, jetzt lass das mit dem Herr Jürgen Imhoff! brummte Jürgen, der an seinem massiven Schreibtisch saß. Vor ihm lagen einige Probeexemplare von Magazinen, zwei bunte Bücher mit Weihnachtsmotiven, die in großer Auflage erscheinen sollten. Ich bin heute einfach fertig… Leg die Mappen hin, Miriam, warum klammerst du dich so daran fest! Wie wäre es, wenn du mal Urlaub machst?

Miriam schmunzelte, trat zu ihrem Ehemann, legte die Unterlagen auf die schöne, geschnitzte Tischplatte, schlüpfte wie eine Katze unter Jürgens Arm und setzte sich auf die Sessellehne, schlang die Arme um seinen Hals und nickte.

In diesem Büro fühlte man sich immer geborgen und gewissermaßen auch anerkannt. Ja, das ist das richtige Wort: anerkannt. Schön, verlässlich, solide. Besonders der Schreibtisch, der wurde damals extra angefertigt.

Der Tisch und irgendwie auch Jürgen selbst wirkten massiv, bodenständig, unkaputtbar. Der Tisch, gebaut von Tischlern, Jürgen, geformt vom Leben. Wenn er ins Erzählen kam, reichte eine Erinnerung für einen ganzen Abend.

Seine Mutter, Helga, brachte ihn einst aus einem kleinen Dorf nach Hannover, in der Hoffnung, sie würden schnell Fuß fassen, endlich Wurzeln schlagen und ein neues Leben beginnen. Doch einfach wurde es nicht. Sie hatte nur acht Schuljahre und fand lange keine feste Anstellung, putzte in Treppenhäusern, kehrte die Innenhöfe. Sie hauste ebenfalls direkt dort, in einer kleinen Hausmeisterkammer. Jürgen wartete am Fenster oder half ihr draußen.

Wie er unbeholfen die schwere Schneeschaufel schwang oder den endlosen Besen über den Asphalt zog, beobachteten Passanten den Jungen und meinten liebevoll: Hilfst du deiner Mama?

Doch Jürgen blickte sie nur von unten an, ohne auch nur zu lächeln.

Warum ist er eigentlich so grimmig? fragte einmal Helgas Kollegin, die lebhafte, stets laute Sina, 29. Sie tat immer fröhlich, fast wild als müsse sie der Welt und sich selbst beweisen, dass alles egal ist. Helga wusste, bei Sina war irgendetwas passiert, doch Sina lachte lieber alles weg. In manchen Nächten hörte Helga sie stöhnen, jemanden rufen, irgendetwas im Traum erflehen…

Manchmal tat ihr Sina leid und sie wollte sie trösten, aber Sina wimmelte sie ab, warf die wilde Lockenfrisur zurück und stemmte die Hände in die Hüften: Denk doch an dich, Helga! Kein Mann, kein Dach richtig, und der Junge auch noch krank. Kümmere dich mal um dich selbst! Mir hilft eh keiner mehr zu spät!

Was genau verloren war, darüber schwieg Sina. Und so konnte Helga nur zustimmend nicken.

Sina wohnte ebenfalls im kleinen Hausmeisterzimmer. Komisch, dachte Helga, sie war zwar grob und direkt, bestand aber doch auf Ordnung und Sauberkeit, liebte Blumen am Fenster, saubere Böden, trug bescheidene, gepflegte Kleider und achtete immer auf ihre blitzblanken Schuhe.

Nach dem Aufstehen spritzte sich Sina eiskaltes Wasser ins Gesicht, rubbelte die Backen rot, kneifte sich, zwinkerte Jürgen zu und sagte: Das hält die Falten fern!, kämmte ihre wilden Locken und machte sich ans Putzen. War draußen schönes Wetter und Sonnenschein fiel in das kleine Fenster, geriet Sina richtig in Fahrt, putzte, schrubbte, wechselte sogar mal die Vorhänge, schüttelte Teppiche aus, und wetterte, dass wieder Unordnung herrschte. Manchmal hatte sie Lust, einen Kuchen zu backen, aber es fehlte immer irgendwas; dann schnappte sie sich den Einkaufskorb und Jürgen und zog los zum Laden.

Helga ließ sie machen. Für Jürgen war es eh langweilig allein kein Kind wollte mit ihm spielen, der Junge war zu still. So war immerhin Frau Sina zum Reden da.

Helga war sicher: Sina würde Jürgen nie schaden.

Wieder zog sie mit ihm los, kritisierte das magere Warenangebot und verhandelte ausgeprägt mit der Verkäuferin Ursula, ob der Junge nicht vielleicht doch etwas Wurst bekommen könnte. Ich bring das fehlende Geld später!, rief sie dann mit gespieltem Zorn.

Ursula wollte erst nicht, Jürgen seufzte nur. Er mochte doch so gern Wurst, aber wenns nicht geht, gehts nicht.

Siehst du, jetzt hast du das arme Kind traurig gemacht! wetterte Sina weiter. Er wird ja immer dünner, richtig blass, kein Wunder, dass er kaum redet.

Jürgen zuckte mit den Schultern.

So gab Ursula schließlich nach, schnitt ihm von der Lyoner fünf dicke Scheiben ab.

Danke, gute Frau! grinste Sina, packte noch Mehl, ein seltsames Stück Margarine und etwas Rosinen ein. Hier, das reicht!, und legte zusammengeknüllte Euroscheine und Münzen aufs Band.

Ursula zählte genau, legte Stück für Stück aufs holprige, zuckerverstaubte Brett. Jürgen beobachtete sie argwöhnisch.

Na, reichts? fragte Sina, den Schal um den Hals schiebend und zwinkernd.

Geradeso nicht! Die Wurst willst du wohl umsonst? Da fehlen noch drei Euro! maulte Ursula streng.

Sina schob den Kinn zur Faust, überlegte, doch Jürgen stampfte plötzlich, wurde wütend, zeigte mit dem Finger auf Ursulas Schürzentasche.

Hast dus auch gesehen, Jürgen? Ich auch! Unsere gute Ursula hat sich ein Schein in die Tasche geworfen. Pfui, Kinder bescheißt man nicht, junge Frau! Rück das Geld raus!, herrschte Sina plötzlich, klang schlagartig wie eine resolute Ordnungshüterin.

Ursula zögerte, doch räumte das Geld wieder aufs Band.

Siehst du! grinste Sina. Kein Cent schulde ich dir, Ursula. Komm, Jürgen, bald gibt es was zu feiern!

Jürgen lief voraus, träumte von der Wurst, Sina von einem kleinen Fest, zu dem auch Helga kommen würde. Einen Kuchen wollte sie zaubern schade, dass es kein schönes Geschirr gab. Keine filigranen Tassen, keine Glasschälchen für Marmelade. Aber Lachen, das musste sein…

Der Gedanke machte Sina plötzlich ganz traurig, sie verdrängte ihn, marschierte entschlossen weiter…

Helga betrachtete sie erstaunt. Rief Jürgen, doch der war schon längst weg.

Helga, Schluss mit der Arbeit, komm zum Tee! schallte es irgendwann aus der Tür. Jürgen, hol deine Mutter, wascht euch die Hände! Und hier, Jürgen, so macht ein echter Kavalier! Knie nieder, galant so! Sina fiel auf ein Knie und reichte Helga die Hand. Bitte sehr, es ist angerichtet!

Sina zog die lachende Helga lachend in die warme Küche.

Auch Jürgen grinste, hielt sich aber zurück; fast, als wäre er unsicher.

Sie setzten sich. Sina goss schwarzen Tee ein, legte noch warmen, leicht bröckelnden Kuchen auf die Teller. Der Duft nach Vanille und Rosinen hing in der Luft. Keiner hat Jürgen je so einen Kuchen gebacken das hat irgendwie nie wieder geklappt…

Jürgen sammelte die Krümel mit dem Finger, begann dann zu essen. Der dampfende Tee Sina machte ihn immer so stark wie Kaffee , Helga rümpfte kurz die Nase, trank aber brav mit.

Heute ist irgendwie ein Fest… Und Wurst! Sina, bist du reich geworden? fragte Helga vorsichtig. Und überhaupt… Wer bist du eigentlich, Sina? Arbeitest du doch kaum, Geld hast du immer, verstehst etwas von Musik, kannst aus dem Kopf Gedichte, sogar im Schlaf…

Ich? Quatsch! wehrte Sina ab. Hört doch auf damit!

Doch, sogar Jürgen nickt!

Ach, was weiß Jürgen schon von Lyrik! Sag du mir lieber erst, warum das Kind so still ist? Liest er nur von den Lippen? Ist er taub? Sina verengte die Augen, zog den Zeigefinger mit abgekautem Nagel vor ihr Gesicht. Ihr verbergt was, Helga!

Ich bin kein Fräulein! räusperte Helga. Es ist einfach… nervös. Ich will einfach nicht darüber reden.

Aber warum? Und warum bist du hergezogen? Zu jemandem? Keine Familie hier? ließ Sina nicht locker. Hier gibts doch Ärzte, die Medizin ist weit! Bring ihn mal zu einem Spezialisten!

Für wen sind wir denn schon wichtig, Sina! Zu guten Ärzten kommst du als einfache Frau ja gar nicht. Und helfen kann auch keiner. Nervös eben, wie ich sagte! Lass das Thema! Jürgen, willst du noch Tee? Helga sprang auf, nahm Jürgens Tasse, verschüttete dabei fast alles. Na sowas! Jürgen, warum hast du nicht ausgetrunken! Man leert die Tasse!

Muss das sein? Erstmal packst du dein eigenes Leben nicht, läufst den ganzen Tag mit dem Besen durchs Haus, das Kind wächst wie Unkraut, kommt nicht mal in die Kita, und dann schimpfst du! Schimpfen kann jeder! Sina sprang auf, ballte die Fäuste, funkelte vor Wut. Einem Kind zu schreien ist leicht! Der ist klein, jeder tritt nach unten, hm? Lass ihn in Ruhe, verstanden?

Schon gut, setz dich! stammelte Helga. Jürgen, es tut mir leid. Sina! Jetzt hör auf, ihn zu bemuttern! Gib mir mein Kind!

Sie zogen an Jürgen wie an einer Puppe, bis er zu weinen begann.

Zufrieden? meinte Sina. Jürgen, iss die Wurst! Und du, Helga, ohne Ehrlichkeit kriegst du keinen Kuchen mehr! setzte sie Jürgen auf den Hocker und hörte gespannt zu.

Wir lebten auf dem Dorf, begann Helga stockend. Ich hatte einen Mann, Jürgens Vater.

Aha, nickte Sina.

Ich erzähle hier kein Theaterstück, also spar dir das Aha! keifte Helga. Er hieß Johann.

Dann ist Jürgen also ein Johannsen. Jürgen, du bist Johannsen! Und ich bin Johanns das muss man sich mal vorstellen! lachte Sina. Und dann?

Gott hat dich mir wohl als Prüfung geschickt! murmelte Helga. Hör zu… Ein Wildschwein hat ihn gerissen. Direkt vor Jürgens Augen. Sie waren im Wald, ganz harmlos, wollten nur beobachten. Jürgen war drei. Johann studierte Tierspuren, zeichnete sie, erzählte Jürgen Geschichten dazu. Diesmal nahm er den Sohn mit. Ich wollte sie nicht lassen, war kalt und viel Schnee, aber Johann meinte, schon ok, Jürgen müsse lernen, ein Kerl werden. Sie gingen, ich kümmerte mich im Haus, und dann… Ihre Stimme wurde leise. Jürgen zuckte zusammen, krallte sich in Sinas Hand. Jürgen kam allein heimgelaufen, völlig außer sich. Wahrscheinlich hatte Johann ihm gesagt, er soll Hilfe holen. Aber er war zu lang unterwegs, heulte, schrie, konnte nichts erklären… Johann hatte sein Gewehr, warum hat er nicht geschossen? Jürgen hat alles mitangesehen… Ich konnte ihn gar nicht beerdigen, die Nachbarn machten alles. Seitdem spricht er nicht mehr. Jetzt weißt dus, ok? Helga wandte sich ab und weinte. Ich dachte, in der Stadt vergisst er vielleicht, es gibt Busse, Straßenbahn, Neues! Ich dachte, er wird wieder sprechen. Hat aber nichts geholfen. Ich kann hier auch nichts… Nur auf dem Land wusste ich, was tun…

Sina wurde ruhig, sah zu, wie Helga ihre Tränen wegwischte, dann fragte sie:

Aber zählen kann er. Im Laden zählt er immer das Geld, ich habe es mehrmals beobachtet.

Unsere Nachbarin brachte immer die Rente. Während ich arbeitete, war Jürgen bei ihr, hat überall geholfen. Dabei hat er das Zählen gelernt. Die Leute sagten immer, er wird Buchhalter. Jetzt… und was wird nun aus ihm? Was soll ich machen…

Helga warf das Handtuch von der Haken, knüllte es. Sina sah die blassen Knöchel, rote Adern am Hals. So eine Not, so eine Ohnmacht, das kannte Sina nicht.

Es riecht nach Rauch… flüsterte Sina. Kannst du das riechen?

Die Frauen verstummten und sahen zum Kellerfenster hinaus. Man sah nur einen Ausschnitt des Hofs; Beine eilten vorbei.

Los! riss Sina Helga an der Hand. Jürgen, bleib hier, pass auf das Haus auf, verstanden?

Jürgen nickte.

Sie hasteten die Treppe hoch in den Hof, bogen um die Ecke. Die alten Damen auf der Bank klagten, Männer, die frei hatten, packten Feuerlöscher und Werkzeuge.

Was ist passiert? Helga stoppte einen Passanten. Brennt es?!

Der Taubenschlag. Kinder sind da drin! Selbst angezündet, verrücktes Pack! Sind Sie die Hausmeisterin? Wo ist Wasser? Die Schläuche! Los, was stehen Sie da! Typisch Frauen…

Die reichen nicht bis ran… sind nur zum Hofgießen gedacht… antwortete Helga kleinlaut.

Der Mann schimpfte und rannte weiter.

Der alte Taubenschlag, ganz aus Holz, war schon völlig verraucht. Helfer liefen, schütteten Eimer mit Wasser über die Wände, rutschten auf nassem Gras aus, fluchten.

Helga blickte nach oben, die Hand über die Stirn. Tauben stoben wie ein weißes Tuch hoch über dem Hof, im Fenster der Hütte zwei Jungenköpfe, älter als Jürgen, die starr vor Angst nach unten spähten.

Sina folgte ihrem Blick, rannte los, duckte sich und schlüpfte durch die niedrige Tür in den Taubenschlag.

Wohin?! Sina, spinnst du?! rief Helga und wollte folgen, doch jemand riss sie grob zurück.

Lasst das mal uns machen! Gießt mich nass! befahl jener Mann und ließ sich mit Wasser übergießen, dann rannte auch er los.

Sina tauchte oben am Fenster auf.

Helga! Wir kommen nicht runter, fangt die Jungs auf! Nicht heulen, klarmachen!

Decken! Holt Decken! rief jemand. Die Menschen spannten ein Tuch unter das Fenster. Sina schob den ersten Jungen heraus, er klammerte sich, heulte, dann ließ er los und landete unversehrt. Der zweite sprang direkt hinterher, mit ausgebreiteten Armen.

Kaum waren die Jungs auf sicherem Boden, gabs sofort Ärger: wie sie sowas anzünden konnten! Die schlotternden Burschen nuschelten nur.

Helga fror der Blick hinauf. Sina war nicht mehr zu sehen. Brennender Rauch und sie darin!

Sinaa! rief Helga verzweifelt. Jürgen stand plötzlich neben ihr und hielt ihre Hand. Was machst du hier, geh zurück! Los, nach Hause!

Doch der Junge schüttelte sich los, starrte auf den Brand und schrie dann. Helga hatte seine Stimme ganz vergessen. Er rief nach Sina, seiner “Tante” Sina dabei war die doch keine richtige Tante, aber für ihn eine echte Heldin; die ihm Geschichten erzählte, ihm das Zeichnen beibrachte, während Mutter am Arbeiten war. Sina konnte grandios zeichnen: Aus ihren Händen entstanden Pferde, elegante Hälse, ausdrucksstarke Nüstern, wilde Mähnen.

Das ist ein Pferd, Jürgen, sag es: Pferd! ermunterte Sina ihn. Aber er sah bloß in ihr Gesicht.

Sie erzählte oft von fernen Ländern, Elefantenreiten, von Walen im Meer. Jürgen liebte die Wal-Geschichten, die für ihn wie riesige, gutmütige Schiffe waren, tintenblau, sanft. Er träumte davon so einen Wal kennenzulernen…

Sinaa! Siiinäää! rief Jürgen, trampelte vor Verzweiflung und weinte.

Da kamen endlich die Feuerwehrmänner, schlossen die Schläuche an.

Jürgen, mein Schatz, beruhig dich. Tante Sina… Ach, Gott… Helga drückte ihn an sich, doch er wand sich los, wollte zur Taubenhütte huschen. Plötzlich hob ihn jemand Sina, patschnass, Rock klebt, die Beine leicht zitternd. Ihre Locken waren versengt, das Gesicht rußig, die Augenbrauen kaum noch zu erkennen, aber auf den Lippen das glücklichste Lächeln.

So, junger Mann! Ich bin ja hier! Na, was hast du da geschrien, hä? Frag mal deine Mutter!

Sin-na. Meine Sina, schluchzte Jürgen und klammerte sich an ihren Hals.

Schluss jetzt mit Heulen! Brand ist ernst! Und dich muss mal ein Arzt anschauen guck dir mal deine Hände an! befahl der Mann streng.

Sina nickte. Klar zum Arzt! Aber jetzt war nur das eine wichtig: Jürgen sprach endlich sprach er!

Sie trug ihn auf dem Arm nach Hause, obwohl Helga immer wieder rief, sie solle ihn absetzen. Sie küsste Jürgens Nase, tanzte fast, lachte.

Zeit für ein Fest! verkündete Sina, dann sackte sie auf den Stuhl. Jürgen, bring mir bitte Wasser, bat sie heiser. Helga, mir wird schwarz vor Augen…

Sina hustete, zitterte am ganzen Körper.

Ruh dich aus, du hast dich überanstrengt! Trink was komm, so…, Helga schmierte Bepanthen auf Sinas Hände.

Jürgen plapperte beruhigend, strich Sina über die Haare. Sie lächelte tapfer, doch es tat sichtbar weh. Jürgen weinte.

He, Kleiner! Na, was soll das denn? flüsterte Sina matt.

Ich hab Angst, du gehst weg, so wie Papa…, murmelte er.

Unsinn! schüttelte Sina den Kopf. Zu früh dafür. Wir müssen dich doch noch groß kriegen! Und deine Mama darf mal wieder lernen, für einen Abschluss! Viel zu tun, Jürgen, viel zu tun…

Sina schlief bald ein. Diesmal lag sie ruhig da, erzählte nichts, keine Gedichte aber sie lächelte.

Helga saß bei ihr, strich Jürgen übers Haar und sah auf Sinas Gesicht.

Sie ist so jung! Sie sollte leben, sich freuen, heiraten, Kinder bekommen und jetzt hockt sie hier, wie eine Maus in der Ecke dachte Helga.

Dann grinste sie doch: Jürgen spricht wieder. Nicht die Stadt hat geholfen, sie war zu fremd und unpersönlich. Die Menschen haben geholfen, Sina.

In der Nacht erwachte Sina, trank Wasser gierig.

Sina, tut etwas weh? fragte Helga.

Alles trocken im Hals, kratzt wie verrückt. Und dieser Geruch, richtig im Kopf…

Sina schwieg, blickte Helga an, die sich im Bademantel zu ihr gesetzt hatte:

Mein Vater sitzt im Knast, Helga. Wer will jemanden wie mich anstellen? Papa war Juwelier, hat gestohlen, weil er wollte, dass ich alles habe… Ja, alles… klingt jetzt komisch, heute hab ich gar nichts. Mama ist verstorben, die Wohnung eingezogen wegen Papas Schulden. Ich stand auf der Straße. Freunde drehten mir den Rücken zu; Tochter eines Diebs also auch Verbrecherin? Ich wusste gar nichts! Papa hatte immer Besuch, schloss sich ein. Ich spielte mit Puppen, malte. Eigentlich wollte ich Kunststudium, war sogar in München, in der Pinakothek, Helga, du kannst dir nicht vorstellen, wie schön es dort ist! Ich wollte alles nachzeichnen, lernen. Hatte ganze Alben voll. Alles weggeschmissen. Was soll’s, wenn ich eh verflucht bin? Sie haben mich nicht genommen, auf die Kunstakademie. Bin völlig eingebrochen…

Sie hustete, Helga reichte ihr Wasser.

Kehrn, das ist jetzt meine Aufgabe… Aber Helga, such dir was Besseres! Jürgen braucht dich! Weißt du, da oben im brennenden Taubenschlag wollte ich einfach… Aber dann bekam ich Angst. Zum Sterben zu feige und kein Grund zum Leben! Der Mann hat mich rausgeschoben, ich erinnere mich nicht mal. Niemand braucht mich, verstehst du? Also dachte ich, dann ersticke ich eben und das wars.

Helga schloss die Augen, umarmte Sina dann innig, küsste ihre rußige Stirn. Der Rauchgeruch blieb lange haften, wie Erinnerung daran, dass Sina schon verschwinden wollte.

Du, Sina, bist dumm! Du hast viel gelesen, wolltest auf die Akademie aber das Wichtigste hast du nicht begriffen… Das Leben hast du nicht dir selber geschenkt, also steht dir auch nichts zu, es wegzuwerfen. Meine Oma, als sie schon sterbenskrank war, sagte einmal: Ein Monat noch… so viel hätte ich zu erledigen…. Nimm deine Unterlagen, Sina, und bewirb dich!

Ich kann nicht mehr! Hab alles vergessen, keine Zeichnungen mehr. Lass, Helga, das ist vorbei. Wozu? Sie schob Helgas Hände weg, aber es war, als würde Helga sie festhalten Sina vergrub das Gesicht, kämpfte mit Tränen.

Weil du dich selber brauchst! Verstanden? Und Jürgen! Ist doch klar! Noch Wasser, oder soll ich das Fenster zumachen? Es wird sicher bald regnen.

Ich geh ins Bett. Meinst du, ich bin wichtig? Wenigstens irgendwem?

Helga antwortete nicht. Es war alles klar.

Als es so weit war, fuhr Sina tatsächlich zu den Aufnahmeprüfungen für die Kunstakademie. Die ganze Woche der Prüfungen war sie angespannt, nervös, aß nichts, malte nachts, riss Skizzen wieder ein, las Bücher, machte sich Notizen. Früh morgens stand sie auf, drückte dem verschlafenen Jürgen einen Kuss auf die Stirn und verschwand. Der Junge lungerte im Hof herum, hielt ständig Ausschau.

Warte nicht, mein Kind, das dauert noch, beschwichtigte Helga, aber Jürgen wartete stur auf seine Sina.

Sina bekam sofort Bescheid, dass sie aufgenommen wurde kein langes Listenwarten. Sie kehrte sehr feierlich zurück, dann umarmte sie Jürgen.

Ich bekomme ein Zimmer im Studentenwohnheim. Aber ich glaub, ich will lieber hier bleiben. Bei euch! Sie setzte sich, zog Jürgen auf den Schoß.

Bist du verrückt, Sina?! schimpfte Helga. Geh ruhig, ich hab jetzt auch einen neuen Job! Weißt du noch Maria Kirchner? Die, die Jürgen den Anzug genäht hat! Sie braucht eine Hilfe, bringt mir alles bei. Wir ziehen auch bald um.

Jürgen hielt Sinas Hand fest. Sie soll bleiben, sie kennt so viele Geschichten, kann Pferde zeichnen. Sie hatten früher auch ein Pferd…

Gut, ich komm euch besuchen. Und du, Helga, nähst mir ein Kleid, wenn dus gelernt hast. Jetzt gibts erstmal Tee und echte Krapfen. Zugreifen!

Sie stellte die Tüte mit den Brötchen hin, duftend, warm, voller Puderzucker.

Sina beobachtete, wie Helga vorsichtig probierte, pustete, Jürgen ein Stück anbot. Der schloss vergnügt die Augen.

Danke, Tante Sina! Der Junge schlang die Arme um ihren Hals, setzte sie voll Puderzucker und es wurde eine süße, fröhliche Runde. Sie brauchten einander vor allem Jürgen. Und alles lag noch vor ihnen.

Fünf Jahre später heiratete Sina und bekam eine Tochter Miriam. Jürgen schaute sie groß an.

Ein Mädchen, murmelte er.

Das beste Mädchen der Welt! nickte Helga.

Sie wuchsen nebeneinander auf, Jürgen und Miriam. Mit elf verliebte sich Miriam in Jürgen, mit dreizehn war es aus, weil sie sah, wie er die arrogante Rita Sommer küsste, mit zwanzig schwor sie, sich nie wieder zu verlieben.

Und Jürgen? Der fand langsam seinen Platz, entfaltete unsichtbare Flügel, träumte von einer Arbeit, bei der er selbst bestimmen konnte. In den wilden Neunzigern geriet er beinahe auf die schiefe Bahn, Sina hielt ihn ab, besorgte ihm eine Stelle als Kurier in einem kleinen Verlag, wo sie als Illustratorin jobbte. Jetzt blühte Jürgen auf. Er liebte Buchhandlungen, beobachtete, wer was kaufte, was gefragt war. Im Haus der Bücher stand er oft herum, bestaunte den Wandel im Laden. Da gibts Lesungen, neue Präsentationswände, Bücher zum Selbstrumstöbern. Das fand Jürgen prima aber die Bücher seines Verlages landeten nie dort.

Unser Ding, Jürgen, sind Kinderheftchen, für ein, zwei Tage. Die großen Läden nehmen die nicht, nur Zeitungskioske oder die Stände vor der U-Bahn, erklärte der damalige Chef.

Doch Jürgen ließ nicht locker, knüpfte Kontakte zu den richtigen Leuten zum Beispiel zu Frau Gabriele, Leiterin der Kinderbuchabteilung im Haus der Bücher. Dank Jürgens Charme waren die Hefte bald auf deren Regalen…

Drei Jahre später wurde er Chefredakteur. Sina hatte durchgesetzt, dass er nach dem Bund noch studierte wie es sich gehört! und Miriam landete später im Layout-Team. Vetternwirtschaft? Vielleicht, aber richtig große Gerüchte entstanden erst, als Jürgen, ausgebrannt, endlich Miriam einen Antrag machte. Sie nahm ihn an. Erst jetzt tuschelte man von Vitamin B, Familienclan.

Ach, warum nicht! Bald bringen wir unsere Kinder auch hier unter! lachte Jürgen zufrieden. Dann werden wir alle glücklich sein.

Sina und Helga trafen sich mit einem Blick und nickten. Aus Jürgen ist ein guter Kerl geworden, ehrlich. Wie schön, dass sich ihre Wege gekreuzt haben Sina, Helga und der kleine Jürgen. Genau die richtigen Menschen füreinander, wie Familie, die man sich gefunden hat.

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Homy
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