Vanessas Liebe
Johann Steinberger stand nervös vor dem Hauseingang in der Schillerstraße. Immer wieder setzte er sich auf die Bank, sprang dann wieder auf, überlegte, ob er endlich eintreten sollte. Die Hitze stieg ihm zu Kopf, der Hemdkragen rieb an seinem Hals unter dem Jackett war es stickig wie im Hochsommer, und die engen Lederschuhe quetschten seine Füße zum Schreien! Doch Johann ertrug es tapfer. Er hatte sich schließlich gestern extra beim Friseur in der Friedrichstraße in Schale geworfen, war danach ausgiebig im Stadtbad am Alexanderplatz gewesen, und abends hat er in seinem kleinen, kahlen Dachzimmer stundenlang die Hose gebügelt. Wasser spritzte er darüber, das unter dem heißen Bügeleisen zischend verdampfte. Dabei verbrannte er sich ein paarmal die Finger alles sollte perfekt sein. Kurz bevor er fertig war, bemerkte er ein Loch an der Naht. Gott sei Dank am Saum! Die alten Fäden hielten nicht mehr, also musste er schnell noch nähen. Die Nadel wollte ums Verrecken nicht ins Nadelöhr, das schwache Licht der klapperigen Glühbirne machte es noch schwerer. Ein paar Flüche rutschten ihm heraus, aber er schalt sich sogleich: So spricht man doch nicht, wenn Damen in der Nähe sind!
Früh am Morgen hatte die mürrische Nachbarin aus dem Altbaur, Brunhilde, ihm noch hinterhergerufen, dass er nach Hund stinke.
Na hören Sie mal, Hund? Ich war gestern in der Sauna! Frisch gewaschen, also wirklich …, empörte sich Johann.
Stinkt! Diskutieren Sie nicht. Sie haben sich bestimmt auf das Hundekissen gesetzt! Los, ich helfe Ihnen. Ich hab da einen Kolossalköln da riecht keiner mehr was gegen an! Warte, ich hol ihn!
Brunhilde drehte ihre Zigarette im Mund und verschwand, noch bevor Johann Nein sagen konnte. Sie kam mit einer dunklen, geriffelten Flasche zurück, oben eine Schaumstoffkappe und baumelnde Quaste wie in Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.
So! Kopf hinhalten, Sie kleiner Rebell! Sag ich doch, stillhalten!, kommandierte sie und zielte schon auf seine Glatze. Johann wand sich und duckte sich unter Brunhildes massiger Hand weg.
Nein! Bitte, Sie ruinieren alles! Bleiben Sie mir vom Leib, wehrte er ab, mit einer Pfanne als Schutzschild. Ich HABE gar keine Glatze!
Ach was. Lieber Kölnisch Wasser als Hundegeruch! entgegnete Brunhilde ungerührt. Johann gab sich geschlagen.
Sie sprühte ihm den Kolossalköln auf die blanke Stelle. Ein stechender, altbackener Duft waberte durch die Küche.
Hm … der ist schon ein bisschen um, aber was soll’s. Reicht! zwinkerte Brunhilde. Sie wollte noch mehr sprühen, aber Johann stürmte in die Badezimmer, um sich den Geruch aus dem Haar zu waschen. Vergeblich, der Duft blieb. Vielleicht hilft Erdbeer-Seife. Nein, besser Kernseife das MUSS helfen!, murmelte er verzweifelt, während aus dem Bad Wasser plätscherte.
In der Zwischenzeit schürte Brunhilde den Herd an, stellte den Fisch in die Pfanne und spürte ein Stück Zufriedenheit. Johanns Jackett war sauber, der Stuhl darunter weich vom Stoff, und ihm gegenüber, so etwas wie männliche Gesellschaft. Vielleicht nicht gerade märchenhaft aber immerhin.
Der Kölnisch Wasser-Duft ließ sich nicht abwaschen, das Jackett roch jetzt nach Fisch, die Hose bekam ein paar Falten dennoch stürmte Johann schon durch die Straße zum großbürgerlichen Savignyplatz, stolperte, rempelte Passanten an, murmelte Entschuldigungen, wich knapp einer Straßenkehrmaschine aus. Und sein Herz klopfte erwartungsvoll. Heute würde es geschehen. Heute… Wie oft hatte er wohl diesen Tag erträumt, stumme Dialoge geführt, geschauspielert für sich selbst.
Er wusste genau, was er sagen wollte, wie er stehen würde …
Blumen! Er hatte die Blumen vergessen! Pfingstrosen unbedingt Knospen, geschlossen, damit alles erst in ihrer Wohnung im Verborgenen erblüht. Ein Blumenkiosk musste her!
Johann scannte die Umgebung. Delikatessenladen, Teegeschäft, Schuster … Wo nur?
Entschuldigung, wissen Sie, wo hier ein Blumenladen ist?, fragte er einen Vorbeigehenden. Der musterte den schwitzenden Johann gar nicht. Nochmals, Entschuldigung, wissen Sie vielleicht …?
Niemand schien ihn zu bemerken.
Du drehst Dich im Kreis wie eine Fliege, Johann, bringt doch nix!, sagte Brunhilde immer gönnerhaft, wenn er beim gemeinsamen Mittagstisch ihren Borschtsch lobte und brav nickte. Was eine Frau für dich gekocht hat, das MUSS gelobt werden, das hatte er längst gelernt. Beim Nachschlag bat er jedoch nie. Doch Brunhildes Borschtsch war wirklich herrlich …
Wo jetzt die Blumen hernehmen? Ach, da drüben! Auf der anderen Straßenseite.
Er wartete, bis die Autos vorbei waren, hastete zum Blumenladen.
Was darf’s sein? Pfingstrosen? Natürlich! Da, da und da!, bot die Verkäuferin an.
Nur Knospen kugelig, noch geschlossen, damit sie erst in der Vase …, stotterte Johann, wich ihrem Blick aus. Vor Frauen war er Zeitlebens unsicher, wie als Kind, wenn er samstags mit seiner Mutter zu deren Freundinnen musste.
Seine Mutter Rosi war verbittert, von Männern enttäuscht und besprach das jedes Wochenende mit ihren ebenfalls unglücklichen Freundinnen bei Kaffee und Torte. Johann saß stumm in der Ecke, durfte Zuhause nicht allein bleiben zu ungeschickt, würde sich noch verbrühen! Aber in der fremden Wohnung war er bloß Ballast, durfte auch nix anfassen.
Die Frauen musterten ihn wie ein merkwürdiges Tier; hie und da fragten sie, ob das Kleid der Gastgeberin ihm gefiele, wie viele schöne Mädchen in seiner Theateraufführung dabei waren oder wie er den Filmstar fand. Johann brachte kaum Worte heraus, mümmelte verlegen.
Er sollte immer das Richtige sagen, doch das vergaß er in solchen Momenten. Eigentlich hatte er nur eines im Kopf sein Geheimnis: Vanessa. Eine Welt, zu der seine Mutter keinen Zugang hatte.
Vanessa lebte mit ihren Eltern am prachtvollen Savignyplatz, sie hatten einen Balkon mit Ficus und hübschen Korbstühlen, ein Wohnzimmer mit Vitrinenschrank und einem Porzellanservice für besondere Anlässe, sogar das Bad war elegant. Vanessas Vater hatte eine Bibliothek mit goldverzierten Bänden, Widmungen, eingeklebten Postkarten Davon träumte Johann niemals würde er es wagen, eines dieser Bücher zu nehmen.
Seine Mutter hielt von Literaten nichts und nannte Büchervertiefung Zeitverschwendung. Johann verbrachte Stunden in der Zentralbibliothek, lernte auswendig, aber Zuhause holte ihn die kleine Welt seiner Mutter ein. Wieder hielt sie ihm die Untauglichkeit seines Vaters und die Schlechtigkeit der Männer vor. Johann hatte ständig Angst, auch er könnte von ihr verstoßen werden, und Literatur rückte in den Hintergrund.
War er dann wieder in Vanessas Wohnung, schaute er die Gemälde und Kristalllüster an, atmete still, während Vanessa herumhüpfte und ihre Sandalen auszog. Sie waren zusammen in einer Klasse, Vanessa war die Neue schön, ein bisschen unnahbar, einfach die Schönste. Johann durfte ihre Schultasche nach Hause tragen. Er begleitete sie sozusagen.
Mein Vater hat einen Assistenten, Onkel Lutz, der trägt seine Akten und öffnet ihm die Türen. Du begleitest jetzt mich. Gefalle ich dir nicht, Johann?
Er nickte verlegen.
Onkel Lutz bekam dafür Lohn. Johann durfte bleiben und im Flur warten, während Vanessa sich umzog. Die Küchenfee, Frau Jule, ließ Gäste, vor allem Johann, nicht an den Tisch, schob ihm aber heimlich Nüsse oder Bonbons in die Tasche.
Du kannst gehen, Johann!, verabschiedete Vanessa ihn. Er schwebte nach Hause, selig. Er fühlte sich gebraucht, jemand dankte ihm nicht herablassend, sondern ehrlich freundlich.
Mehr brauchte Johann nicht. Bücher zu fragen traute er sich nie, aus Angst, dreist zu wirken.
Sie machten gemeinsam das Abitur, Johann half Vanessa in der Prüfung und wollte ihr auf dem Abschlussball gestehen, was er fühlte. Kühn. Verrückte Idee! Sie und er… Aber er riskierte es, zerschlug sein Sparschwein, kaufte ihre geliebten Pfingstrosen, versteckte sie in der Garderobe, doch als er sie holen wollte, hatte sich jemand draufgesetzt, die Blumen waren zerstört. Und dann war da ein junger Mann in Marineuniform, der Vanessa fest umarmte. Sie lachten, tanzten wahrscheinlich über Johann.
Er ging heim. Keine Dämmerung am Wasser, keine Gitarrenlieder. Mutter hatte Recht. Verlorener Adamsspross. Ein Versager.
Von Jule, der Köchin, hörte er, dass Vanessa den Matrosen geheiratet und nach Hamburg gezogen war, um dort Ingenieurin zu werden.
Und du, mein Lieber? Wie gehts weiter? fragte Jule.
Weiß nicht. Ist doch egal. Auf Wiedersehen, rief Johann und verschwand.
Natürlich fand auch er seinen Weg, wurde Bauingenieur, schloss ordentlich ab, zog aus Mutters Wohnung aus, in das kleine Zimmer, das der Vater hinterließ. Heiraten tat er nicht. Er hatte einfach Angst, zu nutzlos zu sein. Er wartete. Worauf? Auf Vanessa.
Bis sie doch wieder in Berlin auftauchte. Über 25 Jahre waren vergangen.
…
Johann! Hansi! Siehst du mich nicht? rief plötzlich jemand. Frl. Jule, inzwischen gebeugt, aber noch immer geschäftig, winkte ihm mit Einkaufstaschen zu.
Sie Guten Abend!, erwiderte Johann zerstreut, dann erkannte er sie, lächelte.
Weißt du, Vanessa ist zurück! Kaum zu glauben. Vom Seemann geschieden, lebt nun wieder bei uns. Du solltest sie mal besuchen. Sie ist so traurig Vielleicht schaffst du’s, sie ein wenig aufzuheitern Jule sah ihn flehend an. Gehst du hin, Johann?
Was hatte er schon zu bieten? Noch immer der schüchterne, armselige Kerl.
Ach, vielleicht ist es ja das Schicksal, Hansi! Komm doch mal flüsterte Jule. Sie hat übrigens nach dir gefragt
Hat? Sie erinnert sich? Vielleicht Schicksal?
Gut. Ich komme, nickte Johann, und fügte wie befreit hinzu: Und danke!
Wie Schulfreunde erschienen sie ihr in Erinnerung. Für Jule waren Johann und Vanessa immer noch die Kinder, die in der Diele aneinanderstießen.
An diesem Abend lief Johann wie betäubt durch die Straßen Berlins.
Was hat er ihr zu sagen? Was kann er bieten? Nichts. Gar nichts.
Egal. Was soll’s? Ich gehe so, wie ich bin!
Da waren der Friseurbesuch, das Bad, der Anzug mit Loch, Brunhildes Kölnisch Wasser, Erdbeerseife, die Knospen mit Zeitungspapier umwickelt; sein Blick blieb an Vanessas Fenstern hängen.
Lange stand er im Hof, zupfte noch am Hemdkragen, atmete tief durch und öffnete schließlich die Haustür.
Erinnerungen strömten auf ihn ein. Auf der Treppenstufe hatte Vanessa sich einmal gestoßen; Johann pustete sanft auf ihr Knie so weiß unter den zerrissenen Strumpfhosen Hier aßen sie zusammen Kirschen, an einem regnerischen Nachmittag: Er hatte einen ganzen Beutel dabei; auf der Treppe zog er ihr eine Kirsche aus dem Beutel sie nahm sie mit den Lippen direkt aus seiner Hand, spielte, neckte ihn. Rot geworden, wandte sie sich dann ab.
Neben dem großen Blumentopf versteckte Vanessa einmal ihr Zeugnisheft, damit der Vater sie nicht schimpfte. Morgens, schon auf dem Weg zur Schule, fand sie das Heft im Versteck Johann hatte die schlechte Note ausradiert, so geschickt, dass es niemand bemerkte
Wieder zupfte er sich am Jackett und läutete entschlossen bei der Familie.
Jule öffnete die Tür, strahlte. Na so was! Besuch! Vanessa! Schau, wer da ist!
Vanessa, nicht mehr die zierliche Schönheit von damals, trat aus dem Zimmer. Ihre Mutter, Frau Tamara, kam hinterher, fast rund wie ein Pfannkuchen, mit rosigen Wangen. Wer ist da? Ach du lieber Gott, Johann? Bist dus?
Er stotterte, drückte ihr mit zitternder Hand die Pfingstrosen entgegen.
Danke Du erinnerst dich? Du hast es wirklich gemerkt …?, fragte sie leise.
Aus dem Wohnzimmer kam Frau Tamara, begrüßte ihn herzlich. Früher hatte sie ihn kaum wahrgenommen, jetzt behandelte sie ihn wie einen alten Freund.
Beim Abendessen lief die Unterhaltung leicht, wenn auch immer ein Wehen Melancholie im Raum hing. Ja, siehst du, Johann, so ist das Leben. Ihr Mann hat sie sitzenlassen, unser armes Mädchen. Und im Amt haben sie ihn nicht mal degradiert! Vanessa kam zurück, dünn, blass … Johann, iss, probier die Sülze, Jule hat alles gegeben. Und Vanessa, erzähl doch, wie gehts dir jetzt, was macht deine Mutter, Johann?
Vanessa hatte früher nie nach seiner Familie gefragt, jetzt plötzlich schon
Johann zuckte die Schultern. Sie lebt noch, aber hat hohen Blutdruck. Ich arbeite als Architekt. Viel Arbeit, aber ich komm aus also, mir reicht es.
Frau Tamara schob ihm noch einen Schwung Sülze auf den Teller, reichte Rotwein, lachte. Ach, Berlin wächst und blüht, wie schön! Fast, als säßet ihr wieder, wie damals, zusammen am Tisch nach der Schule Träumerisch glitten ihr die Worte über die Lippen. Johann wollte schon protestieren tatsächlich war er nie zuvor Gast am Tisch gewesen , aber Vanessa legte ihm ihre weiche Hand auf, schüttelte den Kopf: Lass sie reden
Er ließ sie. Der Wein stieg ihm zu Kopf, die Hände schwitzten. Am liebsten hätte er Jackett und Hemd ausgezogen, den Stuhl zurückgelehnt und Weites Land, weites Land ringsum … angestimmt. Nie hatte er bei Festen gesungen er war der stille, zu nichts taugende Sohn Adams. Nur auf der Arbeit, dort zählte er, da verließ ihn die Unsicherheit.
Auch jetzt, hier bei Vanessa, fühlte er sich aufgehoben, entspannt. Man bewirtete ihn auf Augenhöhe das gefiel ihm.
Kindchen, komm, wir holen den Samowar! rief Tamara. Tee aus dem Samowar herrlich! Gut, dass wir ihn aus dem Schrebergarten geholt haben!
Nun waren nur noch Jule und Johann im Salon.
Kurzes Schweigen. Johann stand auf: Ich helfe besser. Der Samowar ist schwer!
Die Küchentür war nur angelehnt. Aus der Küche drangen heitere, aber auch spöttische Frauenstimmen.
Gut, dass Jule diesen Johann wieder eingefangen hat, raunte Tamara.
Ach, was Vanessa seufzte.
Wie, ach was? Dem Kind fehlt ein Vater, dir ein Mann besser als ewig allein! Und ein Zimmer bringt der auch mit, lässt sich gut Geld draus machen. Oder seine Mutter zieht mit ihrem hohen Blutdruck da ein und Johann zu dir dann vermieten wir den Rest. Genial, oder? Tamara jubelte.
Mama, der ist doch bloß ein Niemand!, jammerte Vanessa.
Hast ja auch nicht dran gedacht, als du mit dem Marinekerl ins Bett gegangen bist! Mach jetzt kein Theater. Johann ist Berliner, Architekt sogar! Kein Apoll, aber sehr solide. Tamara lachte spitz. Bring die Pralinen! Los doch, Vanessa! Was stehst du da so!
Mit dem Dessert in der Hand sah Vanessa, wie Johann schon in der Diele am Türschloss spielte.
Johann, wo gehst du denn hin?, flüsterte sie.
Er drehte sich um: Ich muss. Tut mir leid. Ich will nicht wieder der Dummerchen sein, Vanessa! Deine Mutter, du, meine Mutter ihr alle habt mich immer so behandelt. Ich hab zwar nie geglänzt, aber ich bin was geworden, andere achten mich. Auf der Arbeit nennt mich die junge Kollegin Lena sogar bei vollem Namen und schaut so freundlich Aber dir fiel ich gerade recht, als Notnagel, ja? Ich hab dich mal geliebt, das ist wahr! Aber jetzt löse deine Sachen bitte selbst! Ich geh jetzt.
Vanessas Augen wurden groß. Danke für die Blumen
Er war der Einzige, der sich an ihre Lieblingsblumen erinnerte, an Eissorten, Farben des Himmels, daran, dass sie beim ersten Donner die Sekunden zählt. Nicht mal ihre Mutter wusste das so genau.
Johann trat wieder hinaus, riss das Jackett herunter, öffnete den Hemdkragen, wie er es sich schon lange gewünscht hatte. Die kühle Abendluft tat ihm gut.
Weg! Weg aus diesem Haus, dem Hof, seiner alten Haut! Nach Hause, zu Brunhilde und ihrer Suppe, zu den Büchern, Zeichnungen, dort war er jemand kein Pöbler, sondern ein Mensch. Nach Hause!
Er stürzte durch die Kantstraße, über den Zoo, weiter Da rief ihn eine leise Stimme.
Herr Steinberger! Herr Steinberger, warten Sie!
Er drehte sich um. Lena, seine junge Kollegin aus dem Zeichenbüro, mühte sich mit einer schweren Tasche ab.
Frau Schneider? Was machen Sie hier?, fragte er.
Ich? Ich habe meiner Tante Äpfel vorbei gebracht … Wollen Sie ein paar? Mir sinds zu viele!, Lena blickte verlegen auf den Boden.
Lassen Sie mal Ihre Äpfel. Ihnen fehlt doch die Kraft! Geben Sie her, sagen Sie mir, wohin!
Lena zeigte ihm den Weg.
Später saßen sie gemeinsam in Lenas kleiner Küche bei Tee und Apfelpastete. Lena erzählte von ihrer Familie in Dresden, vom Bruder im Zoll, wie sie einmal mit acht ausriss, um ihn zu besuchen, erwischt wurde am Ostbahnhof, wie sie einen streunenden Hund aufnahm, ihre Mutter ihn gesund pflegte
Johann hörte zu, vergaß Kragen und Jackett, selbst Vanessa.
Lena, welche Blumen mögen Sie?, fragte er plötzlich.
Ich? Mein Vater schenkte mir immer Astern zum Geburtstag. Die liebe ich noch heute …
…
Vanessa schob derweil missmutig einen Kinderwagen durch den matschigen Märztag. Vor ihr hupte eine Hochzeitslimousine, der Bräutigam … für einen Moment dachte sie, er könnte wie Johann aussehen. Neben ihm eine dürre Braut
Das Baby schrie. Vanessa fluchte, sah dem Auto nach, dachte an ihr Leben in Hamburg und an Mutter. Ist ja alles deine Schuld, du hast Johann verscheucht, nun hilf auch!, schoss es ihr durch den Kopf.
Eine Stunde später stand sie abreisefertig mit Koffer im Flur.
Aber Vanessa, was wird denn aus Paulchen? Der ist noch so klein!, rang Tamara um Fassung.
Mach, was du willst! Du wirsts schon schaffen. Ich fahre jetzt, zum Versöhnen zu meinem Mann. Und wenn nicht, dann halt vor Gericht. In Hamburg … Nie wurde ich schwanger, solange ich beim Seemann war, jetzt sieh nur! Selbst schuld! Und übrigens, wen meinst du mit wir, Mama?
Na ja Herr Möller, der aus dem KaDeWe, wir verstehen uns doch gut, er arbeitet bei der Lebensmittelabteilung …, Tamara wurde rot wie ein Teenager nach dem ersten Kuss.
Vanessa schnappte nach Luft, dann zischte sie: Umso besser. Dann hat Paulchen jemanden, der ihn mitversorgen kann. Denk daran, er hat häufiger Allergien! Ich habe meinen Zug! Machs gut, Mama!
Sie schlug die Tür zu, Baby Paul weinte im Flur, Tamara wiegte ihn verzweifelt hin und her.
Herr Möller aus dem KaDeWe kam nie wieder. Tamara verfluchte ihn.
Wochen später rief Vanessa an, bat um Geld.
Wie gehts euch? Kommst du zurück?, fragte Tamara hoffnungsvoll.
Vielleicht. Noch nicht entschieden. Küss Paul für mich und häng mein Foto auf, damit er weiß, wie seine Mutter ausschaut, gluckste Vanessa und legte auf. Sie hatte wichtigere Dinge zu tun.
Johann saß indessen zu Hause am Bett neben der schlafenden Lena und lächelte. Er, der unbrauchbare Johann sie bekamen ein Kind! Ein Sohn wäre schön, eine Tochter aber auch … Hauptsache gesund, Lena soll nicht leiden!
Ganz leise deckte er sie zu, machte die Nachttischlampe aus.
So war es, Johanns Liebe: schlicht, warm, ehrlich und endlich angekommen.




