Ein Moment der Schwäche

Ein Moment der Schwäche

Gretchen eilte schnellen Schrittes die knarrende Holztreppe hinab, entlang des schmiedeeisernen Zauns, ließ den stillen, mit herabgefallenen Ahornblättern bedeckten S-Bahnhof im Rücken, die abgestellte Bahn am Prellbock, zwei Stände, in denen fröhliche Markthändler aus Hessen glänzende, am Stiel welke Gurken in Foliebeuteln, große, rot glänzende Tomaten, Paprika mit grünlichen Adern, Nüsse und frische Kräuter verkauften.

Gretchen! Grüß Gott! Nehmen Sie doch was fürs Mittagessen mit, ich flehe Sie an!, rief Herr Andersch, einer der Händler, als er sie erkannte, winkte freundlich und streckte ihr einen Bund Dill entgegen.

Gretchen, Lehrerin von Beruf, lebte in Hanau, in einem kleinen Fachwerkhäuschen, fast den ganzen Sommer über, und pflanzte dort Dahlien, Margeriten, Pfingstrosen und Lilien. Was für herrliche Lilien Gretchen hatte! Und die Apfelbäume! Die hatte schon ihr Urgroßvater gepflanzt, sie trugen Jahr für Jahr die besten Früchte.

Ihr Mann, Alexander, und ihr Sohn Moritz kamen an den Wochenenden zu ihr raus. Alex arbeitete, und der erwachsene Moritz langweilte sich manchmal in Hanau, machte kurz Lärm und verschwand wieder, doch er vergaß seine Mutter nie und half, wenn er gebraucht wurde.

Oft kamen Gretchen und Alex gemeinsam zum Markt. Er stand meist rauchend daneben, während Gretchen mit Herrn Andersch ein Schwätzchen hielt, lachte, und das Obst und Gemüse sorgfältig auswählte. Gretchen hatte so ein jugendliches, leichtes Lachen es ließ sie immer glücklich wirken.

Bald kam Alexander dazu, sah sich die Ware mit zusammengepressten Lippen an, runzelte die Stirn.

Was kostet das alles?, fragte er abweisend und schob den angebotenen Zitrone von Herrn Andersch beiseite. Der Händler beschenkte seine Stammkunden gern mit einer Kleinigkeit, aber Alex lehnte stets ab nachher müsse er noch extra zahlen!

Was willst du für alles zusammen? hakte Alex nach.

Gretchen blickte verlegen weg, es war ihr unangenehm, wie von oben herab ihr Mann mit diesem höflichen Mann sprach.

Alex, lass mich bitte zahlen, nimm du schon mal die Taschen, sagte sie errötend, zog ihr Portemonnaie aus der Jackentasche und zählte die Euros ab.

So eine schöne Frau, und der Mann hat kein bisschen Respekt! Versteh einer die Welt , schüttelte Andersch den Kopf, als die beiden gingen.

Gretchen trug die Beutel mit Gurken und Kartoffeln, Alex schwang dramatisch das Netz mit Erdbeeren und Tomaten über die Schulter, sodass es ihm auf den Rücken schlug.

Jetzt zerstampft er die ganzen Beeren, der Kerl!, schimpfte Andersch empört.

Gretchen und Alex sind schon lange verheiratet, ihr Sohn Moritz ist einundzwanzig, lebt eigentlich längst sein eigenes Leben, wohnt aber noch daheim.

Der Alltag der Familie ist ruhig, gleichförmig, vorhersehbar. Gretchen ist meist früh zu Hause, werkelt im Haus und Garten, sorgt für Essen und Ordnung. Beim Abendbrot essen die Männer schweigend, nicken nur, ob es schmeckt. Moritz seufzt, falls mal was misslingt, Alexander schiebt die Teller weg.

Das kann man ja nicht essen, Gretchen! Weg damit!, sagte Alex strikt, wurde aber gleich sanfter, wenn er sah, wie sie sich gekränkt abwandte. Das passiert eben mal! Die haben dir wohl schlechtes Fleisch verkauft, auf dem Markt sind eh lauter Gauner. Schmeiß weg, Kopf hoch! und er klopfte ihr umständlich auf den Rücken.

Gretchen seufzte und lächelte dennoch, wenn sie sich zu ihm umwandte.

Ist schon gut, Alex, tut mir leid. Soll ich dir ein Spiegelei machen?

Er nickte, wollte es ins Wohnzimmer gebracht bekommen. Ich schau solange fern. Bin fertig für heute, mein Rücken tut weh.

Für Gretchen war das kein Problem, sie liebte ihn, wenn auch nicht mehr wie früher die großen Gefühle waren vergangen. Es war ein ruhiges, abgeklärtes Lieben geblieben. Wahrscheinlich nannte sie es einfach Leben: Der Sohn hat seine Zukunft, ihr eigenes Leben spielt sich ab oder läuft aus.

An diesem Tag war Gretchen früher von der Schule gegangen, hatte dringlich eine Vertretung organisiert und war nach Hanau gefahren. Die Nachbarin, Frau Elisabeth, hatte angerufen auf ihrem Grundstück gäbe es einen Wasserrohrbruch, abstellen könne sie es nicht.

Wie kann das sein, Frau Elisabeth? Der Hahn ist doch vorne am Gartentor Schauen Sie doch bitte mal kurz, ich kann doch nicht einfach weg, ich habe Unterricht flehte Gretchen ins Handy, vorsichtig ihre Kollegen musternd.

Tut mir leid, Gretchen, keine Zeit, das ist nicht mein Rohr! Und das Fenster in der Küche ist offen, nicht, dass euch noch jemand einbricht!, und legte auf.

Gretchen erreichte ihren Mann nicht am Telefon, hielt tapfer noch zwei Stunden Unterricht durch, dann sprang sie in den nächsten Zug nach Hanau…

Herrlich still ist es in Hanau im Herbst! Die Sommergäste sind abgereist, kein Radio lärmt, keine Rasenmäher, kein fröhlicher Grillabend; nur hin und wieder Hämmern irgendwo, und der Geruch von verbrannten Blättern liegt in der Luft etwas streng, aber würzig und angenehm. Gretchen hielt kurz inne, betrachtete die rote Eberesche mit den Beeren, bewunderte die runzligen, granatapfelähnlichen Hagebutten. Dann eilte sie weiter. Schon zeigte sich das blaue Fachwerkhäuschen, die weißen Holzverzierungen, die schiefe Stufe, die Regentonne. Tatsächlich war das Küchenfenster offen, der Vorhang wehte fröhlich im Wind.

Hab wohl ganz in Eile vergessen, es zu schließen …, dachte Gretchen, kramte in Gedanken nach dem Schraubenschlüssel. Wenn das Rohr tatsächlich kaputt war, müsste sie alles schnell abdrehen. Aber dann, wie wird das Gewächshaus bewässert Alex hatte doch eine automatische Bewässerung gebaut!

Gretchen ging zum Zaun, sah überrascht das Auto ihres Mannes in der offenen Garage. Sie hob sich auf die Fußspitzen, schaute über das Grundstück und dann zuckte sie zusammen, als hätte sie einen Schlag bekommen. Ihr Gesicht wurde grau, sie drehte sich abrupt um und verließ eilig das Grundstück. Jemand rief sie noch, aber sie reagierte nicht. Sie wusste selbst kaum, wie sie zum Bahnhof kam, das Rückfahrticket nach Frankfurt kaufte und in die S-Bahn stieg. Alles ging an ihr vorbei.

Mama? Mama, ich bin da! Moritz polterte herein, stellte die Einkäufe auf die Kommode. Mama, ich habe alles besorgt! Soll ich es in den Kühlschrank tun?

Gretchen war im Bad, Moritz lauschte man hörte Wasser, auch die Waschmaschine lief.

Sie hatte es gerade eben noch geschafft, heimzukommen, bevor Moritz erschien, war ins Bad geflüchtet, um sich zu sammeln. Er sollte sie nicht so sehen.

Noch einen Moment starrte sie sich im Spiegel an, beugte sich zum Becken, spritzte sich das chlorige, kalte Wasser ins Gesicht, griff zum Handtuch.

Ich hatte heute früher Schluss, war noch beim Friseur … Bist du hungrig? Ich wärme gleich was auf. Hast du an Brot gedacht?

Sie redete rasch, lachte sogar und wich Moritz Blicken aus. Er versuchte wie immer, ihr in die Augen zu schauen, wusste längst, wenn es ihr schlecht ging, trotz aller Scherze. Er trat zu ihr und hielt sie lange, still im Arm.

Hoffentlich merkt er nichts! Wie könnte sie ihm das sagen? Nein das würde sie nie tun.

Brot ist auf dem Tisch, Mama. Was ist los? fragte er wieder so durchdringend.

Nichts, du Quatschkopf. Ich bin einfach nur früh da. Setz dich, ich mach gleich Essen. Sie wuschelte ihm durchs Haar, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Moritz ließ es zu.

Sie roch nach Parfüm, etwas nach Seife, und in ihren Augen stand tiefe Traurigkeit.

Toller Dill, wie von Herrn Andersch!, knabberte Moritz genießerisch am Stängel, während Gretchen die Schürze ablegte und sich zum Essen setzte.

Das schmeckt doch bei jedem gleich auf dem Markt. Hau rein, sonst werden die Frikadellen kalt! Gretchen schob ihm den Teller rüber und begann mitzuesen.

Wann kommt Papa? Ich wollte mit ihm über das Moped reden. Unser Nachbar, Herr Klee, will mir seins überlassen. Muss ich abklären.

Papa? Er ist bei der Arbeit … Kommt, wenn er kommt, sagte Gretchen zerstreut, sprang auf, um den Wasserkocher zu befüllen, aber dann schwankte sie auf einmal, ihr wurde schwarz vor Augen das passierte in letzter Zeit oft.

Mama, was ist los? Du fällst noch um!, rief Moritz und stützte sie. Du machst dich kaputt, dauernd die Schule, bis nachts am Korrigieren. Sag doch mal, wann hast du das letzte Mal geschlafen? Denkst wohl, ich hör das nicht, wenn du wieder bis um drei wach bist … Wer braucht das alles? Diese Opfer, die Noten, Korrekturen …

Er hielt ihr eine Standpauke, wie früher Oma Frieda, Gretchens Mutter, schimpfend bei jedem Besuch, wenn sie ihre erschöpfte Tochter sah. Frieda gab allen die Schuld: Tochter, Schwiegersohn, sogar dem kleinen Moritz, wenn er das Hemd bekleckerte. Frieda war nicht mehr da, aber ihre Stimme blieb im Gedächtnis.

Ich schweig doch gar nicht, Liebling. Ich ess ja auch schon, antwortete Gretchen, als sei alles leicht. Danke für den Tee! Und weißt du was, vielleicht fahren wir Silvester mal irgendwohin?

Moritz erstarrte mit der Teetasse in der Hand.

Wir fahren doch immer auf die Hütte, ins Haus … Tradition!

Oma Frieda hat immer geschimpft, Opa Karl seufzte dazu. Die andere Oma, Alex Mutter, brachte Tütenweise Süßkram und ließ sich auf Diskussionen nicht ein. Kinder zu teilen ist schwer der einzige Enkel!

Aber ich will da nicht mehr hin. Wir suchen uns ein ruhiges Ferienhaus irgendwo im Warmen, zuckte Gretchen die Schultern, trank Tee.

Moritz liebte es, seiner Mutter beim Teetrinken zuzusehen: das leichte Hauskleid, die Pantoffeln mit Gänseblümchen, die Kobalttasse mit Untertasse. Gretchens gepflegte Finger griffen die Tasse zart. Für Moritz bedeutete dieses kleine Ritual: Zuhause, Geborgenheit, Frieden.

Nur heute blieb das aus.

Moritz, lass mich, ich räume das ab geh du schon!, drängte Gretchen, ihr Sohn ließ sich widerwillig aus der Küche schieben.

Er bemerkte nicht, dass es an der Tür klingelte, dass seine Mutter stritt er war schon eingeschlafen.

Alexander kam erst nach neun Uhr heim, polterte in den Flur, zog schnaufend die Schuhe aus.

Gretchen! Moritz! Lebt noch wer hier? Ich bin da! Empfängt mich keiner? motzte er und stapfte in die Küche, wo Licht brannte. Gretchen stand am Herd, rührte im Topf.

Na, was gibts? setzte sich Alex. Ich hab einen Bärenhunger.

Gretchen zuckte, drehte den Herd ab.

Was ist, dass du so spät dran bist? Ich hab zigmal angerufen …

Besprechung auf der Arbeit, ewig rumgesessen beim Chef, wieder Diskussion ums Budget. Wie solche Leute überhaupt in hohe Positionen kommen, versteh ich nicht!

Wer sollte denn da sitzen? fragte Gretchen ruhig.

Alex verschluckte sich fast.

Was redest du denn?

Ich war heute auf dem Grundstück, Alex.

Was? Alex zuckte zusammen. Wir waren doch zusammen am Sonntag da! Ich fahr nicht extra, ich muss arbeiten … Wieso warst du heute da?

Ich hab dich und diese Frau gesehen. Begreifst du überhaupt, wie widerlich das ist? Das war Omas Haus, Papas Garten. Und du … Du solltest gehen heute, Alex. Uns verlassen.

Zuerst starrte Alex sie verständnislos an. Wie war sie da hingekommen? Die Schlüssel hatte er doch heimlich genommen, die Kollegin Nadja angerufen. Zusammen wollten sie das Wochenende dort verbringen; Nadja kannte das idyllische Häuschen nicht. War doch alles seins! Er hatte Boden verlegt, Sanitär gemacht, den Zaun gestellt das zählte!

Was erzählst du da, Gretchen? Wieso soll ich gehen? Was hast du eigentlich gesehen?, donnerte Alexander und schlug auf den Tisch.

Alles. Weißt du, das kleine Podest sieht man vom Tor aus. Also: Iss zu Ende, pack deine Sachen, verabschiede dich von Moritz. Sag ihm selbst, warum du gehst. Gretchen drehte sich zum Fenster. Draußen war es finster. Im Glas sah sie, wie Alexs Gesicht entgleiste.

Und was war dann? Ja, ich war mit einer Frau da. Aber das ist doch … belanglos! Gretchen, das ist Unsinn! Sie hat ein paar Blumenzwiebeln bekommen, Nadja eben!

Ich hab gesehen, wie du ihr Zwiebeln gibst, sehr vertraut …, lächelte Gretchen bitter. Nadja? Und was hat sie, was ich nicht habe?, ihre Stimme wurde laut, sie ließ den Teller auf den Boden krachen Alex zuckte zusammen. Alles richtet sich nach dir, sogar die Meldeadresse habe ich für dich geändert, damit du dich nicht wie ein Untermieter fühlst! Deine Mutter kommt am Wochenende und bemitleidet dich ständig mein armer Alex, völlig erschöpft! Soll ich ihr sagen, wovon? Meinst du, Nadja wird dich pflegen, wenn du alt bist? Wie konntest du, in UNSEREM Zuhause, so etwas tun?! Ich hasse dich!

Noch ein Teller klirrte am Boden. Gretchen fand plötzlich Gefallen daran, wie sich Alex bei jedem Splittern zusammenkauerte.

Gretchen! Was ist nur los mit dir?, Alex trat vorsichtig an sie ran, wollte sie umarmen, doch sie stieß ihn weg. Gretchchen, es bedeutet nichts! Ich bin ein Mann, ich hab mich hinreißen lassen, aber lieben tu ich nur dich! Nadja … die ist ein bisschen naiv, mit ihr kann man nur Spaß haben, klüger ist sie nicht. Auch im Bett nicht mein Magen hat nach ihren Pfannkuchen gegrummelt, musste schnell wieder zu dir, Gretchen! Sie fliegt sowieso bald, ich rede mit dem Chef! Also, beruhig dich, alles bleibt gut. Machst du mir jetzt einen Tee?

Alex griff nach ihrer Lieblingstasse mit Goldrand, reichte sie Gretchen da flog jemand in die Küche, schrie und schlug mit Fäusten auf seinen Rücken. Die Tasse fiel klirrend auf die Fliesen.

Erschrocken drehte Alex sich um. Da stand Nadja, verheult, verschmiertes Make-up, Wut im Gesicht.

Was hat DIE hier zu suchen?!, flüsterte er entsetzt und wich zurück.

Sie will dich mir abspenstig machen, Alex, das hat sie gesagt. Jung, frisch, sie liebt dich, du wärst mir zur Last. Ihr habt die Zukunft, ich nur Altersheim. Also: Viel Glück, nehmt euch!, erklärte Gretchen, und ihr wurde schwarz vor Augen vor Schmerz.

Nadja beschimpfte, krallte sich an Alexanders Hemd fest, er wich ihren Nägeln aus, dabei fielen Stühle um bis plötzlich Moritz und Onkel Lothar, der Nachbar, eintraten. Sie schoben Nadja und Alexander in den Flur. Moritz packte die Habseligkeiten seines Vaters in eine Sporttasche und setzte sie zur Tür raus.

Nadja war schon weg, schluchzte bei einer Freundin. Alexander stand und wartete.

Gib mir die Autoschlüssel!, forderte er Moritz.

Du bist doch noch jung, lauf zu Fuß!, entgegnete Moritz und knallte die Tür zu.

Dann setzte er sich neben seine Mutter auf den Boden. Sie streckte die Beine wie eine Puppe und weinte leise, Tränen tropften auf Moritz Hände.

Mama! Du bist die Beste, wirklich … Ich lieb dich so, ich lass dich nie im Stich! Nicht weinen, Mama … Und warum hast du mir nichts gesagt? Woher kam diese Frau? Ich hab alles verschlafen …

Nadja war vorher aus dem Häuschen verschwunden; als sie Gretchen am Gartenzaun gesehen hatte, das verstörte, gealterte Gesicht glaubte sie, Alex kinderleicht für sich gewinnen zu können. Gib Zeit: Alex liebt sie, er wird bald Abteilungsleiter, dann wird alles gut. Jetzt muss man nur fair die Konkurrentin aus dem Weg räumen. Mutig trat sie an Gretchens Tür verunsichert, als sie die strenge, aufrechte Oberlehrerin vor sich sah.

Werden Sie mir ihn geben? fragte Nadja, nach langen Rechtfertigungen.

Gretchen biss sich auf die Lippe, schmeckte Blut: Nehmen Sie ihn. Bin ja nicht sein Schäfer. Aber ich warne Sie Sie kam nicht dazu, weiterzureden, denn genau dann kam Alexander heim sie setzte Nadja ins Nebenzimmer, um das Gespräch mit allen dreien zu führen …

Mama, warum weinst du so?, Moritz drückte seine Mutter fest.

Moritz … ich bekomme ein Kind. Und jetzt hat uns dein Vater verlassen Ich bin alt, aber ich will dieses Baby, ich freu mich drauf. Nur … bleib bei mir, bitte, zumindest bis es da ist … Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber ich werde kämpfen, der Kopf muss klar bleiben …, murmelte Gretchen sie wusste, das alles auf Moritz abzuladen war nicht richtig, doch andere hatte sie nicht.

Moritz Gesicht wurde schmal, er pfiff leise durch die Zähne, dann lächelte er.

Echt jetzt ich krieg einen Bruder?

Warum Bruder, Moritz? Eine Schwester wäre auch schön. Ich hätte mir so sehr ein Mädchen gewünscht … Wär’s schlimm, wenn es eins wird?, fragte sie leise.

Er wäre glücklich. Fast alle Freunde haben Geschwister das ist cool!

Gretchen kam Ende Mai mit ihrem Baby aus der Klinik. Moritz stand im Anzug, frisch frisiert, mit Blumen vor dem Klinikeingang und wartete. Endlich, Gretchen trat langsam, vorsichtig mit der kleinen Schwester im Arm heraus. Moritz, ganz stolzer großer Bruder, drückte die Blumen einer Schwester in die Hand, trat zu Gretchen.

Mama, ich hab dich lieb, sagte er, und warf einen Blick auf die zierliche, vorlaute Anna in Gretchens Armen. Anna blickte zu Moritz, und etwas begann eine neue, wilde Geschwisterliebe, laut, chaotisch, doch unzerstörbar. Stirbt eine Liebe, wächst eine neue.

Ich dich auch, mein Sohn. Nimm bitte einmal kurz Anna, ja?

Moritz zögerte, fasste sich ein Herz, übernahm seine kleine Schwester, zwinkerte ihr zu sie drehte sich weg.

Sie mag mich nicht, Mama …

Doch sie ist nur schüchtern, beruhigte Gretchen. Fahren wir nach Hause?

Daheim wartete Oma Waltraud. Sie hatte aufgeräumt, Moritz beim Vorbereiten geholfen, den Kühlschrank gefüllt und wartete nun still, ob ihre ehemalige Schwiegertochter sie hinausschicken würde.

Gretchen schickte sie nicht weg. Die Enkelin braucht schließlich auch eine Oma. Wie alles weitergeht, zeigt die Zeit

Alexander kam noch ein paarmal nach dem Scheidungstag, wollte zurück, zog später in eine andere Stadt, schickte monatlich Unterhalt für Anna. Moritz ließ ihn nicht mehr an das Mädchen heran, verteidigte seine Familie. Alex wollte nichts mehr erzwingen; irgendwie, dachte er, wird das Leben schon weitergehen. Wenns ihm schlecht geht, würde Gretchen sowieso zurückkommen, die verrückte Liebe stirbt ja nie. Bestimmt, eines Tages wird sie ihn zurückholen ein Mann fehlt doch!

Ganz bestimmt!, schwört sich Alex zu Silvester. Bislang ist daraus noch nichts geworden

Manchmal hält das Leben uns einen Moment der Schwäche vor, und wir müssen alles verlieren, um zu entdecken, dass Liebe in vielen Formen zurückkehren kann aufrichtig, laut und leise, alt und ganz neu. Weitergehen heißt immer auch: Neu anfangen.

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Homy
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