Fremd im eigenen Zuhause

Ungebeten im eigenen Zuhause

Frau Margarete, haben Sie schon wieder meine Unterlagen aus dem Regal geräumt?

Annalena stand im Türrahmen zur Küche, wild zusammengebundene Haare und ein Bademantel, der offensichtlich eine Knopfreihe als Orientierungshilfe nutzte, aber die Reihenfolge verwechselt hatte. Sieben Uhr morgens, Montag, und der Tag fing schon wieder so an.

Ich habe nur kurz abgestaubt, sagte Margarete, ohne sich vom Herd abzuwenden. Da lag schon wieder so viel Staub, das konnte ich einfach nicht ignorieren.

Ich habe Sie aber nie gebeten abzustauben. Ich habe Sie gebeten, meine Sachen liegenzulassen.

Annalena, ich lebe seit vierzig Jahren in dieser Wohnung.

Und ich wohne hier jetzt seit zwei Jahren. Ich habe auch Rechte.

Margarete stellte die Pfanne langsam und übervorsichtig auf die Herdplatte ab. Weil sie wusste: Wenn sie jetzt eine schnelle Bewegung machte, wären die nächsten Worte solche, die sie später wohl nicht zurückholen könnte. Das hatte sie inzwischen gelernt, in diesen zwei Jahren mit Annalena.

Ich wollte dich wirklich nicht verletzen.

Sie wollen das nie. Aber Sie schaffen es trotzdem irgendwie immer.

Annalena verschwand. Zimmertür zu. Nicht mit Wucht, aber so, dass keine Zweifel blieben. Margarete starrte auf die Eier in der Pfanne, die schon begannen, anzugrillen, und dachte zurück: Vor vierzig Jahren war ihr die Wohnung gigantisch groß vorgekommen. Drei Zimmer, eine Küche mit Fenster zum Hof, damals noch mit Kastanien voller Meisen im Frühling. Jetzt sind die Bäume weg, im Hof parken Autos, und die Wohnung fühlt sich inzwischen eher an wie ein überteuertes Abteil im Intercity.

Beim Frühstück sagte Margarete nichts zu ihrem Sohn. Konstantin scrollte auf seinem Handy und trank Tee, während Margarete seine helle Haarwirbel beobachtete, die sie tausendmal im Leben gebürstet hatte, und dachte: Jetzt ist er erwachsen. Jetzt ist er verheiratet. Und ich bin hier überflüssig.

Mama, warum bist du so still? fragte Konstantin.

Ach, ich denke nur nach.

Worüber?

Über die Kastanien hinterm Haus.

Er schaute sie an, mit diesem Gesichtsausdruck, den sie nie leiden konnte. Ein bisschen bemitleidend, ein bisschen überfordert. Wie auf jemanden, den man trösten sollte, aber nicht weiß wie.

Alles okay?

Alles gut, Konstantinchen. Iss ruhig.

Er fuhr um halb neun zur Arbeit. Annalena kam um neun aus dem Zimmer, schenkte sich schweigend Kaffee ein, nahm die Schlüssel keinerlei Kommentar. Erst an der Tür drehte sie sich um.

Ich komme spät. Sie müssen auf mich nicht warten.

Gut, antwortete Margarete.

Die Tür fiel ins Schloss. Und auf einmal war die Wohnung so leise, dass Margarete das Tropfen des Wasserhahns in der Badewanne hörte. Seit einem halben Jahr sagte sie Konstantin, er möge ihn doch mal reparieren. Und immer wieder sagte er: Ja, Mama, mach ich noch. Der Wasserhahn tropfte permanent weiter.

Sie räumte ab, spülte, stellte das Geschirr zum Trocknen hin. Dann griff sie zum Lappen und wischte die Regale nicht, weil sie Lust dazu hatte, sondern weil Hände beschäftigt sein müssen, wenn der Kopf beschäftigt bleibt.

Margarete Becker war inzwischen zweiundsechzig. Ein Leben lang hatte sie als Buchhalterin bei einer Baugesellschaft gearbeitet. Vor drei Jahren ging sie in Rente und wohnte seither allein in der Wohnung, bis Konstantin und Annalena einzogen. Ihr Ehemann, Viktor, war… nein, nicht gestorben. Viktor war vor acht Jahren aus dem Leben gegangen, und seither war es Margarete gewohnt gewesen, selbst zu entscheiden, wie sie die Dinge in ihren eigenen vier Wänden anordnet.

Annalena war aus Weimar. Kam für das Studium nach Berlin, blieb wegen der Arbeit, lernte Konstantin auf einer Betriebsfeier kennen. Nach einem Jahr waren sie verheiratet. Margarete hatte auf der Hochzeit brav gelächelt, gute Sprüche zum Besten gegeben und war tatsächlich davon ausgegangen, es würde schon gut werden mit ihnen. Sie fand Annalena eigentlich nett höflich, ordentlich, diskret.

Das war allerdings, bevor sie gemeinsam wohnten.

Eigene Wohnung? Fehlanzeige, zu teuer in Berlin. Die beiden sparten auf eine Eigentumswohnung. Margarete hatte selbst angeboten: Warum wohnt ihr nicht erstmal bei mir? Es ist genug Platz. Dachte sie tatsächlich. Drei Zimmer für drei Personen was sollte da fehlen?

Am Platz lag es aber gar nicht.

Es lag daran, wie Annalena Handtücher faltete. Margarete klappte sie immer ordentlich und legte sie über die Stange. Annalena rollte daraus Fashion-Sushi und stapelte sie ins Regal. Bis Margarete einmal ihre Ordnung wiederherstellte und Annalena bat: Bitte machen Sie das nicht. Tja, beleidigt waren dann beide und so begann es.

Es lag daran, wie Annalena Suppe kochte. Ohne vorher in ordentliches Butterschmalz und mit Lorbeerblatt anzubrutzeln, dafür aber mit trockenen Superfood-Kräutern aus der Tüte. Margarete sagte einmal, Suppe mit angebratener Grundlage schmecke einfach besser. Annalena konterte nur: Gebratenes ist ungesund. Margarete: Wir haben unser Leben lang Bratcreme benutzt und leben auch noch. Seitdem bekam sie keine ihrer Suppen mehr zum Probieren angeboten.

Dreimal die Woche arbeitete Annalena von zu Hause aus. Saß im Schlafzimmer, sprach mit dem Laptop oder ins Telefon, oft sogar englisch. Margarete verstand nie so recht, was sie da trieb. Konstantin erklärte: Marketing, Mama. Margarete nickte. Marketing, jawohl. Aber seltsam, dass man so den ganzen Tag beschäftigt sein kann, in seinem Schlafanzug, mit dem Telefon und das gilt als Arbeit.

Das sagte sie natürlich nie laut. Sie dachte es nur.

Im November, knapp anderthalb Jahre nach dem Einzug, hatte sich eine Art Waffenstillstand eingestellt. Kein Frieden, nein. Ein wackeliger Kompromiss. Jeder wusste, welche Themen Tabu waren, welche Regale heilig, zu welchen Uhrzeiten man besser nicht in die Küche marschierte. Konstantin bewegte sich zwischen ihnen wie ein Trapezkünstler und tat so, als sei alles in bester Ordnung. Das regte Margarete zuweilen mehr auf als alles andere.

Konstantin, sagte sie eines Abends, als Annalena bei einer Freundin war. Findest du nicht, dass wir mal reden müssten?

Über was?

Wie wir hier so leben.

Er schwieg, schenkte sich Tee nach, obwohl in seiner Tasse noch welcher war.

Mama, ihr lebt doch ganz normal.

Normal, ja. Aber wir reden kaum miteinander, Annalena und ich.

Na, ihr redet doch.

Reichen Sie mir bitte das Salz ist kein Gespräch.

Er starrte in die Tasse. Sie dachte daran, wie sehr er in solchen Momenten seinem Vater glich. Viktor konnte auch nie Probleme aussprechen. Der schwieg lieber und hoffte, alles erledige sich von selbst.

Was soll ich denn machen?

Sprich doch mal mit Annalena.

Worüber denn?

Dass man auch anders miteinander leben kann. Ohne jeden Tag Krieg ums Regal zu führen.

Ihr führt doch keinen Krieg.

Konstantin.

Okay, sagte er. Ich rede mal mit ihr.

Ob er wirklich gesprochen hatte? Nach außen änderte sich nichts.

Der Dezember kam mit Kälte und Tagen so kurz wie ein Augenblick. Margarete ging einkaufen, kochte, schaute abends Fernsehen. Manchmal rief sie ihre alte Freundin Tamara an; sie waren schon zu Arbeitszeiten unzertrennlich gewesen. Tamara lebte allein, die Tochter war in Hamburg, und sie verstanden einander wortlos.

Na, wie macht sich die Schwiegertochter? fragte Tamara jedes Mal.

Och ja.

Gibt’s Krieg?

Kein Krieg. Schweigen.

Schweigen ist schlimmer als Krieg, pflegte Tamara zu sagen. Ein Krieg hat wenigstens ein Ende.

Im Januar kam dann das, was Margarete für sich immer den Eistag nannte. Draußen war sogar Tauwetter und auf den Straßen tropfte es überall von den Dächern.

Einmal kam sie früher von ihrem Spaziergang wieder. Annalena war schon da, arbeitete. Margarete hängte Mantel und Schal auf, ging in dir Küche, stellte den Wasserkocher an. Die Küche war durch so etwas Unsichtbares geteilt, das. Margarete sofort spürte, sie ging trotzdem hinein.

Annalena kam nach gut zwanzig Minuten schweigend dazu, füllte sich Wasser ab. Dann drehte sie sich um.

Frau Becker, darf ich Ihnen mal etwas sagen?

Bitte.

Ich weiß, dass es Ihnen schwerfällt. Mir übrigens auch. Aber es gibt etwas, das ich Ihnen wirklich sagen möchte.

Margarete wartete, hielt die Teetasse mit beiden Händen fest.

Ich will Sie gar nicht aus Ihrem Zuhause verdrängen. Wirklich nicht. Ich verstehe, das hier ist Ihre Wohnung, Ihr Leben, Ihr System. Aber ich lebe ja nun auch hier. Ich brauche wenigstens das Gefühl, hier ein Mensch zu sein und nicht nur ein Gast, der immer alles falsch macht.

Margarete überlegte kurz.

Meinst du, ich habe es einfach?

Nein.

Mein ganzes Leben war alles mein Reich. Ich wusste, wo der Kram liegt, wie Suppe gekocht wird, wie man richtig wäscht und faltet. Und jetzt sagt man mir, dass alles falsch ist. Sogar im eigenen Heim.

Ich sage nicht, dass Sie etwas falsch machen, erwidert Annalena. Ich sage nur, ich mache manches anders. Das ist nicht das Gleiche.

Margarete stellte ihre Tasse ab, trat ans Fenster. Draußen graues Nieselwetter. Auf dem Nachbarfenster saß eine Taube und sah so aus, als könnte ihr das alles herzlich egal sein.

Annalena, sagte sie schließlich. Hand aufs Herz: Wär’ dir lieber, ich wohnte getrennt?

Eine sehr lange Pause.

Ich wünsche mir, dass wir es mal schön zusammen aushalten. Aber ehrlich ich weiß nicht, wie das gehen soll. Wirklich nicht.

Margarete drehte sich um. Annalena stand immer noch da, das Wasserglas fest umklammert, bei weitem nicht mehr so souverän, wie sie sonst wirkte. Sondern sehr müde.

Ich bin dreißig, sagte Annalena. Bin mit zweiundzwanzig aus Weimar weggezogen. Eltern weit weg. Hier habe ich niemanden außer Konstantin. Und eben Sie. Und ich… ich würde mir wünschen, dass Sie für mich auch jemand wären. Nicht nur Schwiegermutter. Sondern wirklich jemand. Aber ich kann das nicht, weiß nicht wie.

Damit hatte Margarete nicht gerechnet. Sie hatte eigenen Ärger erwartet, Gemecker wegen dem Regal vielleicht, aber das?

Ich kanns auch nicht, gestand Margarete. Und wunderte sich ein bisschen, wie leicht es über die Lippen kam.

Eine Weile standen sie so. Jede an einem Ende der Küche. Dann sagte Annalena:

Wollen Sie Kaffee? Richtigen, nicht löslichen?

Sehr gerne.

Es war kein Frieden, aber vielleicht der Anfang von etwas, wofür es noch kein deutsches Wort gab.

Februar. Margarete und Annalena nahmen jetzt zusammen Kaffeepausen nicht täglich, aber oft. Sie näherten sich vorsichtig an die Gespräche, wie man einen zugefrorenen Weiher betritt: ganz sachte, nicht sicher, ob das trägt. Annalena erzählte von der Arbeit, und Margarete begriff: Marketing ist nicht nur irgendeine Quatscherei am Handy. Da steckt Stress und Mühe dahinter.

Einmal zeigte Annalena ihr am Laptop ein Projekt.

Sehen Sie mal, das ist für ein Unternehmen mit Website für Damen über 55. Deshalb recherchiere ich, wie man diese Zielgruppe anspricht.

Und, klappt’s?

Genau das ist ja mein Problem, meinte Annalena. Ich lese Artikel, Studien, aber verstehe nicht, was Frauen in dem Alter wirklich bewegt.

Du willst, dass ichs dir erzähle?

Wenn Sie mögen.

Margarete dachte nach.

Es beschäftigt uns, dass die Kinder erwachsen sind und man sich manchmal ziemlich fremd vorkommt. Dass man sein Leben für die Familie organisiert hat und schon morgens überlegt: Wofür jetzt eigentlich? Die Gesundheit schwächelt, man soll auf alles achten. Und obwohl Menschen um einen sind, kann man sich ganz schön einsam fühlen. Und das Wichtigste ist: Man würde gern gebraucht werden. Nicht als Last, sondern wirklich gebraucht.

Annalena hörte genau zu. Nicht dieses höfliche Nicken, sondern echtes Zuhören.

Das trifft es, sagte sie leise.

Das ist kein Treffer. Das ist einfach die Wahrheit.

Danach fragte Annalena Margarete öfters um Rat nicht wie einen lästigen Anhang, sondern wirklich als Ratgeberin. Margarete erzählte. Und manchmal hatte sie das Gefühl, sie erzählt eigentlich gar nicht für irgendeinen Auftrag, sondern weil das, was sonst leise blieb, jetzt mal ausgesprochen wird.

Im März meldete sich Tamara:

Na, habt ihr Frieden?

Wir haben nie gestritten.

Ach komm, Margarete.

Wir üben nur beide.

Üben worin?

Im Zusammenleben, sagte Margarete. Das ist schwieriger als gedacht.

Hättest gedacht, das ist einfach?

Ich hab gedacht, sie ist jung, die versteht mich schon. Und sie haben wohl gedacht, ich sei alt und soll mal loslassen. Na ja, beides Unsinn.

Stille in der Leitung.

Margarete, ich freu mich.

Ende März kam Konstantin mal früher. Traf die beiden in der Küche, Annalena fuchtelte am Handy, Margarete runzelte konzentriert die Stirn.

Was macht ihr da?

Annalena erklärt mir die Rezepte-App, sagte Margarete. Da kann man nach Zutaten suchen.

Wollten Sie so.

Na und? Schadet nicht.

Konstantin stellte seine Tasche ab und musterte die beiden.

Euch geht’s wirklich gut?

Zieh dich um, sagte Margarete. In einer halben Stunde gibts Abendessen.

Er verschwand, und Annalena kicherte.

Der denkt, wir drehen langsam durch.

Soll er doch denken, meinte Margarete und schmunzelte vorsichtig mit.

April kam und brachte endlich längere Abende. Margarete ging nachmittags spazieren, wenn die Sonne erträglicher wurde. Manchmal begegnete sie Annalena vorm Haus, die von Erledigungen kam.

Eines Tages gingen sie gemeinsam in den Park, setzten sich auf eine Bank im Blütenduft.

Frau Becker, kann ich Sie was Persönliches fragen?

Kommt drauf an.

Vermissen Sie Ihren Mann?

Margarete zuckte zusammen.

Jeden Tag. Es sind acht Jahre, aber manchmal denke ich automatisch Das erzähle ich gleich Viktor. Und dann fällt mir wieder ein, dass er weg ist.

Wie lebt man damit?

Man gewöhnt sich daran. Nicht am Verlust. Sondern daran, dass er noch irgendwie da ist, nur halt woanders: in den Erinnerungen, in den Dingen. Der tropfende Wasserhahn erinnert mich immer an ihn er hat immer gesagt, er repariert ihn noch. Hat es nie gemacht. Der tropft bis heute und dann muss ich an Viktor denken.

Annalena sah sie verständnisvoll an.

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich zwölf war, erzählte sie. Ich habe nie erlebt, dass Menschen wirklich lange zusammenbleiben. Nur, wie sie auseinandergehen.

Lange zusammenbleiben ist nicht gleich glücklich. Bei uns gabs auch viel Streit, Schweigen, alles. Aber es war immer etwas dazwischen, etwas, was zusammenhält.

Was denn?

Wahrscheinlich die Gewohnheit, gebraucht zu werden. Nicht romantisch, aber das Wesentliche.

Annalena schwieg.

Ich habe Angst, dass Konstantin und ich das nicht können.

Warum?

Weil wir beide… zu sehr Individuen sind. Nähe ja, aber echtes gebraucht werden voneinander kann ich nicht.

Margarete seufzte.

Das ist Lernstoff. Wie alles andere auch.

Und wenn es nicht klappt?

Dann wisst ihr wenigstens, dass ihr es versucht habt.

Annalena nickte. Sie gingen zurück. Diesmal war das Schweigen nicht bedrückend, sondern irgendwie angenehm.

Im Mai wurde Konstantin 34. Annalena organisierte, lud Freunde ein, dekorierte sogar die Bude. Margarete backte Apfelkuchen, wie jedes Jahr seit Konstantin laufen konnte mit viel Zimt und einem Hauch Verpflichtung.

Die Gäste kamen, überall Gelächter, Musik, die gute Stube bereits nach dem ersten Lied zu eng. Margarete saß abseits und beobachtete Annalena, wie sie Drinks mischte, Freunde begrüßte, Überblick behielt. Eine neue Seite an ihr, und unerwartet sympathisch noch dazu.

Später, nach dem Aufräumen, sagte Annalena:

Der Kuchen ist komplett weg, nicht mal Krümel übrig.

Hab ich gesehen.

Konstantin meinte, das ist der weltbeste Kuchen.

Sagt er immer.

Nein, ich meine, er hats nicht Ihnen gesagt, sondern seinem besten Freund, als er dachte, ich höre es nicht.

Margarete stellte den letzten Teller ins Abtropfgestell.

Annalena, danke fürs Erzählen.

Ist doch wahr.

Ich weiß. Trotzdem danke.

Annalena wischte den Tisch.

Es ist schon eins, wir sollten ins Bett.

Geh schon mal, ich mache hier fertig.

Zusammen geht es schneller.

Und so spülten sie gemeinsam fertig. So schlicht, so alltäglich aber Margarete merkte sich diesen Abend.

Juni. Der Sommer schlug mit voller Macht zu. Margarete schlief schlecht bei Hitze, stand früh auf und fand eines Morgens Annalena um halb sechs am Küchentisch, den Laptop offen, aber den Blick ins Fenster gerichtet.

Kannst du auch nicht schlafen?

Ich denke nach.

Woran?

Eine kleine Pause.

Konstantin und ich haben gestern lange gesprochen. Über alles: Kredit, Wohnung, Pläne.

Und?

Nichts entschieden. Aber wir haben überhaupt mal wieder richtig geredet, das war schon viel wert.

Margarete stellte den Wasserkocher an, so leise es eben geht.

Dein Mann, sie meinte Konstantin, ist im Herzen gut. Aber das mit dem Reden… das hat er definitiv von Viktor. Die haben das im Blut.

Ich liebe ihn, sagte Annalena einfach so. Ich weiß nur nicht, ob ich das ausreichend zeige. Ich bin oft zu beschäftigt mit mir selbst.

Das ist kein Fehler. Das ist Leben.

Sie sagen das so, als könnte man alles mit So ist das Leben entschuldigen.

Kann man nicht, erwiderte Margarete. Aber man kanns verstehen. Das ist schon was anderes.

Annalena klappte den Laptop zu.

Frau Becker, ich möchte Ihnen was sagen. Das habe ich mich lange nicht getraut.

Leg los.

Ich war am Anfang unfair zu Ihnen. Ich habe in Ihnen nur die Störenfriedin gesehen, die uns auf die Nerven gehen könnte, zu allem eine Meinung, immer reinredet. Und das noch bevor ich Ihnen die Chance gegeben habe.

Margarete schwieg. Der Teekocher pfiff.

Ich war auch unfair, sagte sie dann. Ich habe dich als Eindringling gesehen. Als eine, die alles ändern will. Dass du aus Weimar kamst, Heimweh haben könntest, Familie brauchst daran hab ich nicht gedacht.

Wir hätten einfach früher aneinander denken müssen.

Ja.

Margarete goss zwei Tassen Tee ein.

Ich bin froh, dass wir damals im Januar geredet haben.

Ich auch, obwohl ich wahnsinnige Angst davor hatte.

Ich auch.

Die beiden saßen da, tranken Tee, während Berlin noch schlief und die Sonne langsam hereinkroch. Margarete dachte: Vielleicht ist genau das der Sinn, morgens aufzustehen.

Juli. Annalena fuhr für eine Woche nach Weimar zur Familie. Das erste Mal seit zwei Jahren. Sie rief Margarete von dort sogar an.

Wie gehts?

Gut, heiß. Und der Wasserhahn ist endlich repariert.

Echt? Von Konstantin?

Ganz allein, ohne Erinnerung.

Siehst du, wenns drauf ankommt, kann ers.

Dachte ich mir.

Ich habe übrigens mit Mama über uns gesprochen.

Was sagt sie?

Sie hätte es an meiner Stelle auch schwer. Aber sie meint, Sie seien bestimmt eine feine Frau, wenn ich immer so von Ihnen rede.

Margarete hielt kurz inne.

Sag ihr, bei mir läuft alles.

Sie hat gefragt, ob sie Sie mal anrufen kann.

Soll sie machen.

Annalenas Mutter, Frau Sabine, kontaktierte Margarete am nächsten Tag. Sie redeten zwanzig Minuten über Annalena, Konstantin, Berlin, Weimar. Wie schwer es ist, wenn die Kinder ausfliegen.

Sie haben Annalena gut aufgenommen, meinte Sabine. Sie hat mir das nicht direkt gesagt, aber ich habs gemerkt.

Wir beide haben uns Mühe gegeben.

Das ist das Wichtigste.

Wenn Sabine mal nach Berlin käme, würde sie auf jeden Fall zu Besuch kommen, das war der inoffizielle Deal zum Schluss. Es ging wohl vor allem ums Angebot.

August. Das Ende des Sommers hing über der Stadt, irgendwie sogar der Geruch wurde melancholischer. Margarete saß abends auf dem Balkon und las. Das Buch hatte Annalena mitgebracht Das wird Ihnen gefallen. Geht um eine Frau, sehr lebendig geschrieben. Sie hatte recht gehabt.

Annalena setzte sich dazu.

Lesen Sie?

Ja. Gutes Buch.

Ich wusste es. Kurze Pause. Darf ich mich zu Ihnen setzen?

Aber klar.

Sie holte sich einen Stuhl. Gemeinsam schauten sie auf die Autos, Bäume, Kinder auf dem Spielplatz. Alles ganz gewöhnlich.

Ich muss Ihnen was sagen: Uns wurde heute der Kredit bewilligt.

Margarete legte das Buch weg.

Wirklich!

Ja. Antrag kam durch. Wir können endlich eine Wohnung kaufen.

Das ist schön.

Ja. Aber auch… na ja. Wahrscheinlich ziehen wir im Herbst um, wenn alles klappt.

Ich verstehe.

Ich wollte es Ihnen direkt sagen, bevor Konstantin es macht.

Warum?

Weil ich will, dass Sie wissen: Ich gehe nicht weg, um Ihnen zu entfliehen. Ich gehe in ein eigenes Leben. Das ist ein Unterschied.

Margarete nickte. In ihr war ein komischer Mix aus Erleichterung und Wehmut, die sich nicht widersprechen, sondern wie Nachbarn einfach koexistieren.

Ich freue mich für euch. Ehrlich.

Wir kommen euch besuchen. Oft!

Nicht zu oft. Immer, wenn ihr Lust habt.

Ich werde Lust haben, sagte Annalena lachend. Sie glauben es nicht, aber so wird es kommen.

Margarete schaute sie an. Diese Frau, die sie zwei Jahre nicht angenommen hatte, und jetzt stellte sich raus: Mit ein bisschen Mühe geht das gar nicht so schwer. Man muss nur hinschauen.

Ich glaube es dir. Fast.

Annalena lachte.

Das reicht.

September. Der Umzug erfolgte am ersten Samstag. Konstantin wuchtete Kisten, Annalena dirigierte alles. Margarete stand im Flur und sah dabei zu, wie sich die Regale leerten und wieder leerer wurden.

Um halb zwölf verschwand die letzte Kiste. Konstantin drückte sie, sagte: Mama, wir sind ganz in der Nähe zehn Minuten mit der U-Bahn. Sie nickte und tätschelte seine Schulter.

Annalena zog sich ihren Mantel an, nahm die Tasche, drehte sich noch einmal um.

Frau Becker.

Ja.

Danke. Für alles. Ich weiß, dass das nicht leicht für Sie war. Und ich weiß, dass ich… auch nicht einfach war.

Ich war ebenfalls nicht einfach.

Sie, Annalena stockte kurz, Sie haben mir gezeigt, dass man nicht einfach nur aushält neben jemandem. Man muss versuchen, ihn zu verstehen. Das macht einen Unterschied.

Margarete blickte sie an.

Ich habe auch noch was gelernt.

Was denn?

Dass ich nicht immer recht habe. Sogar nicht in meinen eigenen vier Wänden.

Annalena nickte. Dann umarmten sie sich holprig, aber ehrlich. Margarete erwiderte die Umarmung.

Rufen Sie jederzeit an, sagte Margarete.

Sie auch nicht nur, wenns dringend ist. Einfach mal so.

Die Tür fiel zu. Margarete ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Sie blickte auf die wieder mal ganz eigenen Regale. Das Fenster zum Hof. Der Wasserhahn war still.

Es war ruhig. Aber nicht mehr so leer wie vor zwei Jahren, als Stille nur Leere war. Jetzt war es anders irgendwie friedlicher.

Der Tee war fertig. Sie füllte sich eine Tasse, setzte sich an den Tisch und schlug Annalenas Buch an der Stelle auf, an der sie gestern aufgehört hatte.

Nach einer Stunde klingelte das Telefon. Eine fremde Nummer.

Frau Becker? Hier spricht Sabine Annalenas Mutter. Sie sagte, heute ist Umzug. Ich wollte nur wissen, wie es Ihnen geht.

Gut, danke der Nachfrage.

Ich habe heute viel an Sie gedacht. So alleine, nach so langer Zeit.

Ich bin das gewöhnt.

Trotzdem, das ist erstmal leer.

Das ist es. Kleine Pause. Wollen Sie wirklich nach Berlin kommen? Annalena hat das erzählt.

Ich denke drüber nach. Ich möchte mal sehen, wie sie jetzt lebt.

Wenn Sie kommen, backe ich einen Apfelkuchen.

Annalena schwärmt immer von diesem Kuchen, sagte Sabine, ihr Ton wurde wärmer. Sie sagt, sowas gibt es nirgendwo sonst.

Das ist wohl leicht übertrieben.

Nein, Annalena übertreibt so was nicht, das weiß ich.

Margarete stützte den Kopf auf die Hand.

Sie haben eine tolle Tochter, das wollte ich mal sagen. Wir mussten nur beide ein bisschen Zeit dafür haben, das auch zu merken.

Kurze Stille.

Danke. Das bedeutet mir viel.

Sie redeten noch ein wenig querbeet. Dann verabschiedeten sie sich. Margarete legte das Telefon beiseite und schaute aus dem Fenster.

Keine spielenden Kinder mehr im Hof. Es wurde langsam dunkel, die Laternen gingen an. Anderswo in Berlin stapelte Konstantin Kisten, Annalena räumte ihr neues Leben in die eigenen Regale auf ihre Art.

Und das war richtig so. Nicht, weil das so sein muss, sondern weil es eben so ist.

Margarete trank aus, spülte ihre Tasse ab, ließ sie trocknen. Im Wohnzimmer schaltete sie den Fernseher ein, schaute aber nicht wirklich hin. Sie dachte, sie müsste morgen mal Tamara anrufen und erzählen, wie der Tag so war.

Das Telefon klingelte wieder diesmal Annalena.

Frau Becker, wir sind angekommen. Fangen gerade an, Kisten auszupacken. Wissen Sie was: Die Küche ist kleiner, als ich dachte.

Du gewöhnst dich dran.

Wahrscheinlich. Kurze Pause. Wie gehts Ihnen?

Ich lese dein Buch.

Ach, schön. Pause. Ich wollte nur… na ja, einfach mal hören, wie es Ihnen geht.

Annalena.

Ja?

Ich freue mich über deinen Anruf.

Dann ist ja gut, sagte Annalena. Und im Ton klang all das, was nicht mehr gesagt werden musste.

Ja, ist gut, sagte Margarete.

Sie legte auf. Mittlerweile dunkel draußen, die Straßenlaternen tauchten den Hof in gelbes Licht, irgendwo brummte noch ein Auto.

Margarete nahm ihr Buch und las, bis ihr die Augen zufielen. Dann schaltete sie das Licht aus und ging ins Bett. Die Stille war jetzt ganz normal und lebendig.

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Homy
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Fremd im eigenen Zuhause
Das Schicksal wiederholt sich